Wer gibt schon gerne zu, aus Bequemlichkeit nicht gewählt zu haben, wo es doch weit anerkanntere Motive, zum Beispiel "Politikverdrossenheit", für einen ins Wasser gefallenen Urnengang gibt?
An der Emscher kam es früher vor, dass man als Wahlhelfer verpflichtet werden konnte, wenn man am Wahlsonntag schon frühmorgens im Wahllokal eintraf. Durch derartig traumatische Erfahrungen konnte natürlich bei Kindern schon früh der Grundstein für späteres Aufschieben gelegt werden. Da wäre zunächst das Aufschieben der Briefwahl zu nennen, weil man so etwas nicht tut, also zum Beispiel Porto des Steuerzahlers zu verschwenden, wenn man doch sonntags sowieso nichts vorhat. Weiterhin dann das Aufschieben des Wahlganges am Wahlsonntag. Nur nicht zu früh gehen, um nicht für den Rest des Sonntags als Wahlhelfer vereinnahmt zu werden. Nach einem Umzug stellte man vielleicht fest, dass man gar nicht so genau wusste, wo das Wahllokal war. Das musste man erst später heraussuchen und hatte so noch ein bisschen Aufschub bis zum Urnengang. Die Wahllokale schlossen auch erst um 18 Uhr. Und als man sich in letzter Minute auf den Weg machen wollte, da hatte es vielleicht gerade angefangen zu regnen und man hatte erst noch die Wäsche von der Leine zu nehmen oder einfach doch keine Lust mehr, noch so spät wählen zu gehen. Mit ein bisschen Glück kam dann vielleicht sogar noch Besuch. Da konnte man dann den Wahlausgang besprechen und dabei so tun, als ob man tatsächlich gewählt hätte. Auf die eine Stimme kam es ja auch gar nicht an. So ging man wenigstens gestärkt für die nächste Wahl in die nächste Woche. Vielleicht war die dann auch wichtiger. Also die nächste Wahl natürlich.
Was das mit Demokratie zu tun hat? Vermutlich wenig. Man muss nicht Gegner der Demokratie sein, um nicht zu wählen. Kann man natürlich trotzdem, wenn man "politikverdrossen" ist.
"Turne bis zur Urne" wirkt ja auch nicht auf jeden genug motivierend, um etwas für die Gesundheit zu tun. Damit ist natürlich eine andere Urne gemeint, nicht die Wahlurne. Das ist ganz klar. Obwohl natürlich der Gang zur Wahlurne auch - wie jeder Gang - schlank machen würde, vorausgesetzt, das Wahllokal ist weit genug von zu Hause entfernt, was natürlich häufig der Fall ist.
Das wollen nun aber Politiker ändern. Sie wollten sich, heißt es, nicht mit der geringen Wahlbeteiligung abfinden und dächten über Alternativen zu den bekannten Wahllokalen nach. Ein Problem ist dabei bestimmt, dass es nicht viel hilft, bei den Leuten zu Hause mit der Wahlkabine vorzufahren, wenn diese sich zwischenzeitlich zu einem spontanen Sonntagsausflug entschlossen haben. Oder arbeiten müssen und deshalb nicht zu Hause sind.
Es spricht aber auch etwas dafür, dass es mit ein wenig mehr Flexibilität im Bemühen um den Wähler klappen könnte. Zumindest bei Bundestagswahlen hat es auch schon mal hohe Wahlbeteiligungen gegeben. War das vor dem Internet-Zeitalter? Das müsste die Politik mal hinterfragen. Vor der Ära der "Politikverdrossenheit" war es jedenfalls.
Vielleicht wären heute mehr Menschen bereit, ihre Stimme über das Internet abzugeben, als man mit noch so mobilen Wahllokalen erreichen könnte. Wenn man etwas nachdenkt, fallen einem vielleicht Parallelen dazu aus dem täglichen Leben ein.
27.12.14
26.12.14
BRD, DDR und Vietnamkrieg
Stärker als der Krieg in Biafra bestimmte der Vietnamkrieg die bundesdeutsche Medienlandschaft bis zur Mitte der 70er Jahre, soweit man sie an der Emscher wahrnahm. Verbreitete Medien an der Emscher waren neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen noch zwei lokale Tageszeitungen und zwei Illustrierte. Zwar gehörte die Emscherregion zur britischen Besatzungszone, aber man musste auch nicht sehr weit fahren, um auf US-amerikanische Armeeangehörige zu treffen. Die meisten Emscherbewohner waren, zumindest auf dem Weg in den Urlaub, schon durch amerikanische Garnisonsstädte gekommen, deren Lebensgefühl durch Straßenkreuzer und Kasernen bestimmt wurde. In jener Zeit waren in den Sendungen des ZDF Chöre von blitzsauberen, gut gekleideten und glatt rasierten jungen Leuten zu bewundern, und man brauchte als Emscherkind schon einen Moment um zu verstehen, dass mit dem gesungenen "Hoch auf die Menschen, die es überall gibt" für den Vietnamkrieg geworben werden sollte. Wenn auch die beiden einzigen (und öffentlich-rechtlichen) Fernsehsender diesen amerikanischen Krieg in den höchsten Tönen lobten, häuften sich doch in den Illustrierten die Bilder von schrecklichen gegen die vietnamesische Bevölkerung verübten Greueltaten.
Wenn man in bundesdeutschen Orten an der als Zonengrenze bezeichneten Grenze zur DDR Urlaub machte, konnte man dort auch die beiden Fernsehsender der DDR empfangen, die den Vietnamkrieg ganz anders darstellten. In den letzten Tagen des Vietnamkrieges wurde dort nur noch gejubelt: Eine Befreiung folgte der nächsten und wurde im DDR-Fernsehen immer mit glücklichen Gesichtern bei den Vietnamesen begrüßt. Welche Darstellung die richtige war, was also stimmte, war schwer zu sagen. Man konnte nicht, wie heute, mit den Leuten chatten oder über das Handy telefonieren und sie nach ihrer Meinung fragen. So etwas gab es damals ja nicht. Man konnte nur aus seiner vorgefassten Meinung heraus die Situation im fernen Vietnam beurteilen, und auf diese Meinungsbildung hatten damals die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durch ihr Informationsmonopol, das sich heute viele heimlich zurückwünschen, entscheidenden Einfluss.
Wenn man in bundesdeutschen Orten an der als Zonengrenze bezeichneten Grenze zur DDR Urlaub machte, konnte man dort auch die beiden Fernsehsender der DDR empfangen, die den Vietnamkrieg ganz anders darstellten. In den letzten Tagen des Vietnamkrieges wurde dort nur noch gejubelt: Eine Befreiung folgte der nächsten und wurde im DDR-Fernsehen immer mit glücklichen Gesichtern bei den Vietnamesen begrüßt. Welche Darstellung die richtige war, was also stimmte, war schwer zu sagen. Man konnte nicht, wie heute, mit den Leuten chatten oder über das Handy telefonieren und sie nach ihrer Meinung fragen. So etwas gab es damals ja nicht. Man konnte nur aus seiner vorgefassten Meinung heraus die Situation im fernen Vietnam beurteilen, und auf diese Meinungsbildung hatten damals die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durch ihr Informationsmonopol, das sich heute viele heimlich zurückwünschen, entscheidenden Einfluss.
25.12.14
Ostzone vs. Emscher
Dass Ost- und Westdeutschland einmal wieder zusammen kommen könnten, das war früher gar nicht vorstellbar. An der deutsch-deutschen Grenze war damals die Welt zu Ende. Wenn man von der Emscher einmal in so eine Gegend gelangte, wurde man durch Warntafeln auf das nun folgende Niemandsland aufmerksam gemacht. Hinter dem Niemandsland befand sich der berüchtigte Todesstreifen. Wer sich dorthin verirrte, riskierte sein Leben. Wer aus der DDR fliehen wollte, erst recht. Denn dort waren Selbstschußanlagen installiert.
Das ist nun schon lange Vergangenheit. In einem Museum in Berlin kann man sich inzwischen Exponate aus jener Zeit anschauen, die das Leben in der damaligen DDR beschreiben. Bei einem Besuch dieses Museums vor einigen Jahren schien ein Lipsi tanzender Erich Honneker die einzige Zumutung zu sein: Es sollte dort anscheinend nur das getanzt werden, was auch die älteren Machthaber der DDR noch in Schwung bringen konnte.
Vielleicht war das der Grund, warum man die DDR in Westdeutschland oft als Gerontokratie bezeichnete.
Wenn man sich die Ausstellung über die DDR vor einigen Jahren anschaute, dann konnte man zu dem Eindruck gelangen, dass doch in der DDR alles sehr gut gewesen zu sein schien: Kleiner Reichtum, auf alle gleich verteilt. Ganz im Sinne dessen, was man im ostdeutschen Fernsehen auch zu sehen bekam, wenn man einmal Gelegenheit dazu hatte.
In die DDR fuhr nur, wer dort nähere Verwandte hatte. Manchmal kamen auch solche Verwandte an die Emscher, wo es den Menschen auch nicht besonders gut ging. Doch was man von oder meistens über diese Besucher und ihre Versorgungssituation hörte, war Mitleid erregend. Bei diesem Personenkreis handelte es sich fast immer um ältere Menschen.
Jüngere kamen fast nie an die Emscher. Kein Wunder; denn wenn das da alles so gut war damals in der DDR, wie man es erst heute erfährt, dann wollten die da vielleicht gar nicht weg, sondern hatten einfach nur keine Zeit, weil sie ständig mit dem Aufbau ihres Sozialismus zugange waren, und die Mauer war dann vielleicht tatsächlich, so wie die DDR-Proganda es darstellte, ein antiimperialistischer Schutzwall, nur deswegen erbaut, damit die Menschen aus der Emscherregion sich nicht alle in dieses gelobte Land flüchteten, das davon vielleicht überlastet gewesen wäre. Allerdings wussten die Menschen an der Emscher bestimmt nichts von dieser Möglichkeit. Sie schickten ihren Verwandten in der DDR eifrig Pakete mit Grundnahrungsmitteln, Schokolade, Kaffee, Puddingpulver, getragener Kleidung und Waschpulver. Diese Güter durften nur in begrenztem Umfang und vorgegebener Zusammenstellung als Paket in die DDR geschickt werden. Doch die damaligen Emscherbewohner - vermutlich stellvertretend für ihre bundesdeutschen Zeitgenossen - fühlten sich dermaßen berufen, Ihre Verwandten zu unterstützen, dass die zulässige Anzahl der pro Jahr und pro Person geschickten Pakete von DDR-Seite begrenzt wurde.
Vielleicht war das ja so eine Art Gratwandlung der DDR-Führung und auch ein geschicktes Ablenkungsmanöver von der im Vergleich zur Bundesrepublik tollen Lage in der DDR: Einerseits wollte man die Emscheranwohner über die guten Bedingungen in dem anderen deutschen Staat im Unklaren lassen, ihnen andererseits aber auch nicht das Letzte wegnehmen, was sie selbst hatten. Das wäre doch ein gutes Zeichen für den "Demokratischen Sozialismus". Dafür, dass die armen DDR-Rentner bei ihrer Einreise in die Bundesrepublik von wohltätigen Organisationen mit Begrüßungsgeld und Kaffee, Bananen und Schokolade empfangen wurden, war diese aufrechte DDR-Regierung schließlich nicht verantwortlich.
Dass dieses leistungsfähige Regime seinerzeit als Unrechtssystem verkannt wurde, wird nun heute korrigiert. Ostalgie wird das Phänomen genannt, das anscheinend - nun so viele Jahre nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung - für Abwechslung in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft sorgt. Da kann man jetzt endlich auch in der Emscherregion sehen, wie toll es in der DDR eigentlich war. Und immer stärker werden auch jene Parteien, die verheißen, dass es wieder so werden könnte, wie damals vor der Wiedervereinigung in der DDR. Bundesweit.
Das ist nun schon lange Vergangenheit. In einem Museum in Berlin kann man sich inzwischen Exponate aus jener Zeit anschauen, die das Leben in der damaligen DDR beschreiben. Bei einem Besuch dieses Museums vor einigen Jahren schien ein Lipsi tanzender Erich Honneker die einzige Zumutung zu sein: Es sollte dort anscheinend nur das getanzt werden, was auch die älteren Machthaber der DDR noch in Schwung bringen konnte.
Vielleicht war das der Grund, warum man die DDR in Westdeutschland oft als Gerontokratie bezeichnete.
Wenn man sich die Ausstellung über die DDR vor einigen Jahren anschaute, dann konnte man zu dem Eindruck gelangen, dass doch in der DDR alles sehr gut gewesen zu sein schien: Kleiner Reichtum, auf alle gleich verteilt. Ganz im Sinne dessen, was man im ostdeutschen Fernsehen auch zu sehen bekam, wenn man einmal Gelegenheit dazu hatte.
In die DDR fuhr nur, wer dort nähere Verwandte hatte. Manchmal kamen auch solche Verwandte an die Emscher, wo es den Menschen auch nicht besonders gut ging. Doch was man von oder meistens über diese Besucher und ihre Versorgungssituation hörte, war Mitleid erregend. Bei diesem Personenkreis handelte es sich fast immer um ältere Menschen.
Jüngere kamen fast nie an die Emscher. Kein Wunder; denn wenn das da alles so gut war damals in der DDR, wie man es erst heute erfährt, dann wollten die da vielleicht gar nicht weg, sondern hatten einfach nur keine Zeit, weil sie ständig mit dem Aufbau ihres Sozialismus zugange waren, und die Mauer war dann vielleicht tatsächlich, so wie die DDR-Proganda es darstellte, ein antiimperialistischer Schutzwall, nur deswegen erbaut, damit die Menschen aus der Emscherregion sich nicht alle in dieses gelobte Land flüchteten, das davon vielleicht überlastet gewesen wäre. Allerdings wussten die Menschen an der Emscher bestimmt nichts von dieser Möglichkeit. Sie schickten ihren Verwandten in der DDR eifrig Pakete mit Grundnahrungsmitteln, Schokolade, Kaffee, Puddingpulver, getragener Kleidung und Waschpulver. Diese Güter durften nur in begrenztem Umfang und vorgegebener Zusammenstellung als Paket in die DDR geschickt werden. Doch die damaligen Emscherbewohner - vermutlich stellvertretend für ihre bundesdeutschen Zeitgenossen - fühlten sich dermaßen berufen, Ihre Verwandten zu unterstützen, dass die zulässige Anzahl der pro Jahr und pro Person geschickten Pakete von DDR-Seite begrenzt wurde.
Vielleicht war das ja so eine Art Gratwandlung der DDR-Führung und auch ein geschicktes Ablenkungsmanöver von der im Vergleich zur Bundesrepublik tollen Lage in der DDR: Einerseits wollte man die Emscheranwohner über die guten Bedingungen in dem anderen deutschen Staat im Unklaren lassen, ihnen andererseits aber auch nicht das Letzte wegnehmen, was sie selbst hatten. Das wäre doch ein gutes Zeichen für den "Demokratischen Sozialismus". Dafür, dass die armen DDR-Rentner bei ihrer Einreise in die Bundesrepublik von wohltätigen Organisationen mit Begrüßungsgeld und Kaffee, Bananen und Schokolade empfangen wurden, war diese aufrechte DDR-Regierung schließlich nicht verantwortlich.
Dass dieses leistungsfähige Regime seinerzeit als Unrechtssystem verkannt wurde, wird nun heute korrigiert. Ostalgie wird das Phänomen genannt, das anscheinend - nun so viele Jahre nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung - für Abwechslung in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft sorgt. Da kann man jetzt endlich auch in der Emscherregion sehen, wie toll es in der DDR eigentlich war. Und immer stärker werden auch jene Parteien, die verheißen, dass es wieder so werden könnte, wie damals vor der Wiedervereinigung in der DDR. Bundesweit.
23.12.14
Und dann kam das Paket aus China an die Emscher
In den späten 60er Jahren, als auch der Vietnamkrieg stattfand, gab es einen Grenzkonflikt zwischen der UdSSR und China. Viele sprachen von einer möglichen Beteiligung der Bundesrepublik im Vietnamkrieg, und vielleicht kam es nur wegen ihres besonderen Status als noch besetzter Staat ohne Friedensvertrag nicht dazu. Traurig war darüber niemand. Wer direkt an der Emscher wohnte, konnte damals sehr häufig Bombenfunde miterleben, die Furcht auslösten, wenn es auch niemals dazu kam, dass ganze Häuser oder Wohnblocks evakuiert werden mussten. Es rückte die Feuerwehr an, eine Menschentraube bildete sich in der Nähe des Einsatzfahrzeuges, und dann wusste man, dass mal wieder ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden war. Allerdings im Wohngebiet, und der typische Emscherbewohner war kaum für kriegerische Auseinandersetzungen zu begeistern. Viele hatten zudem den Zweiten Weltkrieg selbst miterlebt und erzählten mit Schaudern von seinen Schrecken.
Durch den Grenzkonflikt am Ussuri rückte China in den Mittelpunkt des Interesses. Emscherkinder waren mit Reichtümern nicht gesegnet, konnten aber im Fernsehen immer wieder Bilder aus Indien sehen, wo magere Menschen noch magerere Kühe spazieren führten, wahrscheinlich Richtung Bengalen, wo auch etwa zu jener Zeit Krieg war. Schlimme Bilder kamen auch von einem Krieg in Biafra, Bilder, die so schrecklich waren, dass sich viele zu zynischen Witzen inspiriert fühlten. Da hieß es nun, in China würde man versuchen, allen Menschen Essen, Kleidung und Bildung zu geben. Das klang fair.
Und davon konnte man sich selbst überzeugen, wenn man dem Genossen Mao Zedong schrieb. Allerdings wollte er nicht mit seinem Namen angesprochen werden, sondern als "großer Genosse Vorsitzender". Wenn man als Kind schon mit dem WDR korrespondiert hatte, konnte man es doch einmal probieren und den großen Genossen Vorsitzenden um das kleine rote Buch bitten. Und weil man bei einer so guten Sache auch selbst mit dazu gehören wollte, beantragte man bei dieser Gelegenheit gleich eine Aufnahme in die "Kommunistische Partei Chinas"; denn so teuer, wie das Auslandsporto damals war, konnte man nicht oft nach China schreiben.
Die Post ging allerdings nicht so schnell wie heute, also nach China ganz bestimmt nicht. Deshalb rechnete man vielleicht schon gar nicht mehr mit einer Antwort, als eines Tages ein großes Paket kam - wirklich sehr groß - und mit Zeitschriften, Büchern, nicht nur dem damals allseits als "Maobibel" bekannten kleinen roten von dem großen Genossen. Darin war auch ein sehr freundlicher Brief. Nicht von Mao Zedong, sondern von einem gewissen Guozi Shudian. Vielleicht war das ja auch nur ein anderer Name von Mao Zedong, vielleicht hieß das so etwas wie "großer Genosse". Jeder, der ihm schrieb, versicherte er, würde selbstverständlich gerne in die Kommunistische Partei Chinas aufgenommen. Das war natürlich erfreulich.
Um wen es sich bei diesem rätselhaften Guozi Shudian handelte, war ohne Internet nicht so leicht herauszufinden. Dazu brauchte man schon chinesische Freunde, die man als Emscherkind erst viel später und aus größerer räumlicher Entfernung zur Emscher finden konnte. Da war Mao bereits gestorben. "Euer Guozi Shudian ist aber lange im Amt." konnte man seine chinesischen Freunde fragen, wenn sie Post aus China mit dem Absender Guozi Shudian bekamen. Dann erfuhr man, das heiße etwa so viel wie "Der Internationale Buchhandel Chinas". Und den gibt es bis heute.
Durch den Grenzkonflikt am Ussuri rückte China in den Mittelpunkt des Interesses. Emscherkinder waren mit Reichtümern nicht gesegnet, konnten aber im Fernsehen immer wieder Bilder aus Indien sehen, wo magere Menschen noch magerere Kühe spazieren führten, wahrscheinlich Richtung Bengalen, wo auch etwa zu jener Zeit Krieg war. Schlimme Bilder kamen auch von einem Krieg in Biafra, Bilder, die so schrecklich waren, dass sich viele zu zynischen Witzen inspiriert fühlten. Da hieß es nun, in China würde man versuchen, allen Menschen Essen, Kleidung und Bildung zu geben. Das klang fair.
Und davon konnte man sich selbst überzeugen, wenn man dem Genossen Mao Zedong schrieb. Allerdings wollte er nicht mit seinem Namen angesprochen werden, sondern als "großer Genosse Vorsitzender". Wenn man als Kind schon mit dem WDR korrespondiert hatte, konnte man es doch einmal probieren und den großen Genossen Vorsitzenden um das kleine rote Buch bitten. Und weil man bei einer so guten Sache auch selbst mit dazu gehören wollte, beantragte man bei dieser Gelegenheit gleich eine Aufnahme in die "Kommunistische Partei Chinas"; denn so teuer, wie das Auslandsporto damals war, konnte man nicht oft nach China schreiben.
Die Post ging allerdings nicht so schnell wie heute, also nach China ganz bestimmt nicht. Deshalb rechnete man vielleicht schon gar nicht mehr mit einer Antwort, als eines Tages ein großes Paket kam - wirklich sehr groß - und mit Zeitschriften, Büchern, nicht nur dem damals allseits als "Maobibel" bekannten kleinen roten von dem großen Genossen. Darin war auch ein sehr freundlicher Brief. Nicht von Mao Zedong, sondern von einem gewissen Guozi Shudian. Vielleicht war das ja auch nur ein anderer Name von Mao Zedong, vielleicht hieß das so etwas wie "großer Genosse". Jeder, der ihm schrieb, versicherte er, würde selbstverständlich gerne in die Kommunistische Partei Chinas aufgenommen. Das war natürlich erfreulich.
Um wen es sich bei diesem rätselhaften Guozi Shudian handelte, war ohne Internet nicht so leicht herauszufinden. Dazu brauchte man schon chinesische Freunde, die man als Emscherkind erst viel später und aus größerer räumlicher Entfernung zur Emscher finden konnte. Da war Mao bereits gestorben. "Euer Guozi Shudian ist aber lange im Amt." konnte man seine chinesischen Freunde fragen, wenn sie Post aus China mit dem Absender Guozi Shudian bekamen. Dann erfuhr man, das heiße etwa so viel wie "Der Internationale Buchhandel Chinas". Und den gibt es bis heute.
22.12.14
Ein Mann auf dem Mond
Von der Sparkasse gab es Sammelbände zum Thema Weltwunder, die auch an der Emscher gelesen wurden. Da war die Astronautin Valentina Tereshkova abgebildet, was natürlich toll war, aber auch der erste Hund im Weltraum. Laika hieß das arme Vieh, das da so gottserbärmlich mit allerlei Apparatur versehen abgebildet war, dass es heute jeder Tierschützer nur aufs Schärfste verurteilen würde.
Doch die Neugier war damals stärker und die allgemein angekündigte erste Mondlandung wurde auch an der Emscher sehnsüchtig erwartet. Oft schon hatte man aus einem Fenster über der Emscher den Mann im Mond erblickt, der unseren Schlaf bewachte, egal, wo auf der Erde wir uns gerade befanden und wie es da roch oder sonst so war. Oder jedenfalls das, was möglicherweise der Mann im Mond hätte sein können. Dem kleinen Häwelmann hatte er ja bekanntlich übel mitgespielt. Er war wahrscheinlich nicht sehr geduldig, dieser Mann im Mond. Das bewies, dass er nichts Göttliches an sich haben konnte und nicht mit Gott zu verwechseln war, auch wenn man bei den Abbildungen in manchen Kinderbüchern vielleicht auf so eine Idee hätte kommen können.
So fiel die Enttäuschung darüber, dass er nirgends zu sehen war, moderat aus, als endlich an einem frühen Abend - sonst hätte man vielleicht schulfrei gehabt - der erste Astronaut den Mond betrat. Dabei flog er mehr über den Mond, als dass er darauf spazieren ging. Auf dem Mond war der Astronaut weniger schwer als auf der Erde. Was so sehnsüchtig erwartet worden war, vollzog sich schnell: Der Astronaut lief da kurz herum, sagte dem Fernsehpublikum jene bekannten Worte, die sich im Fernsehen ungefähr so anhörten wie damals jedes Telefongespräch, ob nun Ortsgespräch, das in beliebiger Länge für 20 Pfennige geführt werden konnte, oder sündhaft teures, damals nach Regionen gestaffeltes innerdeutsches Gespräch. An Auslandsgespräche dachte man damals noch nicht, das Ausland war noch fernliegend. Man selbst kam von der Emscher aus nicht oft ins Ausland, aber da war dann schon mal einer auf dem Mond, und es hörte sich an, also ob er mit der gesamten Weltbevölkerung telefonieren würde. Es ist bekannt, was er damals gesagt hat, aber angehört hat es sich wie: "Hier ist keiner, ehrlich. Hier ist überhaupt nichts."
Man konnte kurz zum Fenster rennen und nachsehen, ob man zu diesem Zeitpunkt vielleicht den Astronauten als Mann im Mond wahrnehmen konnte. Im Fernsehen sah man ihn auf jeden Fall besser, wie er so auf dem Mond herumschwebte. Und sein Anzug war wirklich cool.
Doch die Neugier war damals stärker und die allgemein angekündigte erste Mondlandung wurde auch an der Emscher sehnsüchtig erwartet. Oft schon hatte man aus einem Fenster über der Emscher den Mann im Mond erblickt, der unseren Schlaf bewachte, egal, wo auf der Erde wir uns gerade befanden und wie es da roch oder sonst so war. Oder jedenfalls das, was möglicherweise der Mann im Mond hätte sein können. Dem kleinen Häwelmann hatte er ja bekanntlich übel mitgespielt. Er war wahrscheinlich nicht sehr geduldig, dieser Mann im Mond. Das bewies, dass er nichts Göttliches an sich haben konnte und nicht mit Gott zu verwechseln war, auch wenn man bei den Abbildungen in manchen Kinderbüchern vielleicht auf so eine Idee hätte kommen können.
So fiel die Enttäuschung darüber, dass er nirgends zu sehen war, moderat aus, als endlich an einem frühen Abend - sonst hätte man vielleicht schulfrei gehabt - der erste Astronaut den Mond betrat. Dabei flog er mehr über den Mond, als dass er darauf spazieren ging. Auf dem Mond war der Astronaut weniger schwer als auf der Erde. Was so sehnsüchtig erwartet worden war, vollzog sich schnell: Der Astronaut lief da kurz herum, sagte dem Fernsehpublikum jene bekannten Worte, die sich im Fernsehen ungefähr so anhörten wie damals jedes Telefongespräch, ob nun Ortsgespräch, das in beliebiger Länge für 20 Pfennige geführt werden konnte, oder sündhaft teures, damals nach Regionen gestaffeltes innerdeutsches Gespräch. An Auslandsgespräche dachte man damals noch nicht, das Ausland war noch fernliegend. Man selbst kam von der Emscher aus nicht oft ins Ausland, aber da war dann schon mal einer auf dem Mond, und es hörte sich an, also ob er mit der gesamten Weltbevölkerung telefonieren würde. Es ist bekannt, was er damals gesagt hat, aber angehört hat es sich wie: "Hier ist keiner, ehrlich. Hier ist überhaupt nichts."
Man konnte kurz zum Fenster rennen und nachsehen, ob man zu diesem Zeitpunkt vielleicht den Astronauten als Mann im Mond wahrnehmen konnte. Im Fernsehen sah man ihn auf jeden Fall besser, wie er so auf dem Mond herumschwebte. Und sein Anzug war wirklich cool.
21.12.14
Bombenfunde an der Emscher
Wenn man direkt an der Emscher wohnte, konnte man aus seinem Fenster in Richtung Emscherufer schauen. Dort sah man Grundstücke, die industriell genutzt wurden. Immer wieder kam es vor, dass Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr dort auftauchten, die bereits nach kurzer Zeit von einer größeren Menschenmenge umgeben waren. Das war erstaunlich. Die Gegend war so abgelegen, dass sich nicht leicht jemand dorthin verirrte. Die Feuerwehr rückte zu solchen Einsätzen zudem meist nicht mit Blaulicht an. Es ging darum, Bomben zu entschärfen, die seit dem Zweiten Weltkrieg dort lagen und immer wieder einmal gefunden wurden.
Niemals wurden die wenigen umliegenden Häuser evakuiert.
Die Feuerwehr kam und fuhr nach einer gewissen Zeit wieder weg. Anwohner schauten ihr inzwischen bei der Arbeit zu.
Der Zweite Weltkrieg war seit zwei Jahrzehnten Vergangenheit. Doch in vielen Gegenden der Welt tobten damals noch schreckliche Kriege. In Westafrika gab es den Biafrakrieg, in Indien den Bengalenkrieg, und über den Vietnamkrieg wurde durch die ostdeutschen und westdeutschen Fernsehanstalten sehr unterschiedlich berichtet. Das konnte man erfahren, wenn man in der Nähe der Grenze zur DDR war und dort das Fernsehprogramm empfangen konnte.
Auch in der bundesdeutschen Presseberichterstattung mehrten sich kritische Berichte über den Vietnamkrieg. Diskutiert wurde, ob die Bundesrepublik sich an diesem Krieg beteiligen sollte. Einmal trat in der ZDF-Drehscheibe ein aus jüngeren Menschen bestehender Chor mit einem "Hoch auf die Menschen" auf, und es dauerte ein wenig zu begreifen, dass damit für den Vietnamkrieg geworben wurde. An der Emscher war man nicht dafür. Dort, wo immer noch Bomben gefunden wurden, am allerwenigsten.
Niemals wurden die wenigen umliegenden Häuser evakuiert.
Die Feuerwehr kam und fuhr nach einer gewissen Zeit wieder weg. Anwohner schauten ihr inzwischen bei der Arbeit zu.
Der Zweite Weltkrieg war seit zwei Jahrzehnten Vergangenheit. Doch in vielen Gegenden der Welt tobten damals noch schreckliche Kriege. In Westafrika gab es den Biafrakrieg, in Indien den Bengalenkrieg, und über den Vietnamkrieg wurde durch die ostdeutschen und westdeutschen Fernsehanstalten sehr unterschiedlich berichtet. Das konnte man erfahren, wenn man in der Nähe der Grenze zur DDR war und dort das Fernsehprogramm empfangen konnte.
Auch in der bundesdeutschen Presseberichterstattung mehrten sich kritische Berichte über den Vietnamkrieg. Diskutiert wurde, ob die Bundesrepublik sich an diesem Krieg beteiligen sollte. Einmal trat in der ZDF-Drehscheibe ein aus jüngeren Menschen bestehender Chor mit einem "Hoch auf die Menschen" auf, und es dauerte ein wenig zu begreifen, dass damit für den Vietnamkrieg geworben wurde. An der Emscher war man nicht dafür. Dort, wo immer noch Bomben gefunden wurden, am allerwenigsten.
20.12.14
Post vom WDR
Damals an der Emscher, als die Sahnetorte noch so unerträglich nach Kühlschrank schmeckte, dass man sie kaum herunterbekam und es deshalb unmittelbar verständlich war, dass Dick und Doof sich damit am Freitagabend immer im öffentlich-rechtliche Fernsehen bewarfen, das nur zwei, selten auch drei Sender hatte und als viele Kinder nur insgesamt acht Jahre zur Schule gingen, da gab sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch viel Mühe mit seinen Hörern. Spätabends wurde einmal in der Woche eine halbe Stunde lang eine Geschichte für "Liebhaber fremdsprachiger Prosa" vorgelesen, in Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch. Am Samstag gab es Sprachkurse, die auch unmittelbar an der Emscher, also weitab von der Zivilisation, zu empfangen waren. Sie dauerten etwa eine Viertelstunde, wurden an einem Abend in der Woche wiederholt und turnusmäßig immer wieder ausgestrahlt. So konnte man Französisch, Spanisch und auch Niederländisch für Anfänger und Fortgeschrittene lernen. Das Lehrbuch konnte man beim WDR kostenlos anfordern. Auch als Kind konnte man es zugeschickt bekommen, und das war natürlich toll, wenn man auf einmal Post vom WDR bekam. So konnte man Familie und Verwandte schwer beeindrucken. Ein Brief kostete damals nur 25, später dann 30 Pfennige, und die hatte man als Kind meistens irgendwoher, oder man fand einen Erwachsenen, der einem eine Briefmarke gab. Allerdings war dieses vom Sender bereit gestellte Unterrichtsmaterial das einzige, worauf man dann zurück greifen konnte; denn audiovisuelle Kurse gab es damals noch nicht, und ein Mitschnitt der Hörfunksendungen war auch nicht möglich. Man konnte sie nur hören, wenn man das Glück hatte, ein Radio zu seiner Verfügung zu haben. Dafür brauchte man Batterien, die damals noch sehr teuer waren, besonders für ein Kind. So lernte man sehr schnell, das Radio immer nur ganz leise einzuschalten, um Batterien zu sparen. Ein ganz besonderer Trick bestand darin, die Batterien dadurch wieder aufzuladen, dass man sie auf das Fensterbrett über der Heizung legte. Dieser niemals vollkommen enträtselte Effekt funktionierte allerdings nur mit Radiobatterien. Batterien für ferngesteuerte Autos oder Taschenlampen waren in diesem Sinne nicht wieder aufladbar.
Wenn man krank war und nicht zur Schule gehen konnte, dann konnte man den ganzen Morgen Schulfunksendungen hören, die damals sehr kindgerecht waren. Am Nachmittag gab es die Sendung "Write it down". Da konnte man ein Diktat schreiben und an den WDR schicken. Das bekam man dann zurück geschickt. Mit ganz vielen roten Hinweisen. Schon wieder Post vom WDR. Das war noch viel interessanter als die damals sehr beliebte Fernsehsendung mit "Kasper und René". So fühlte man sich wichtig genug, auch mit politischen Größen der damaligen Zeit in Briefkontakt zu treten.
Wenn man krank war und nicht zur Schule gehen konnte, dann konnte man den ganzen Morgen Schulfunksendungen hören, die damals sehr kindgerecht waren. Am Nachmittag gab es die Sendung "Write it down". Da konnte man ein Diktat schreiben und an den WDR schicken. Das bekam man dann zurück geschickt. Mit ganz vielen roten Hinweisen. Schon wieder Post vom WDR. Das war noch viel interessanter als die damals sehr beliebte Fernsehsendung mit "Kasper und René". So fühlte man sich wichtig genug, auch mit politischen Größen der damaligen Zeit in Briefkontakt zu treten.
19.12.14
Kartoffelfeuer
An der Emscher war nicht immer alles so bebaut wie heute. Wo heute teilweise schöne Ein- und Mehrfamilienhäuser der Geruchsbelästigung durch die Emscher trotzen, gab es früher auch leere Grundstücke, die erst nach und nach bebaut worden sind. Es gab viele Industrieflächen und auch Schrebergärten, und manche Grundstücke standen lange Zeit ganz ungenutzt leer und luden so das kreative Emscherkind zur Freizeitaktivität ein. Wildwuchernde Wiesen regten zu spontaner Gestaltung an, und ein an vielen Stellen zusammen hängendes Terrain ohne Wohnbebauung konnte von Indianern, Rittern, Piraten, Film- oder Serienhelden erobert und verteidigt werden; jedenfalls so lange, bis dort nach und nach die Fundamente für jene Gebäude ausgeschachtet wurden, die das Cluster zufälliger und ungewollter Abenteuerspielplätze im Verlauf vieler Jahre immer mehr durchbrachen. So wurde das freilaufende Emscherkind nach und nach zu einer bedrohten Spezies. Aus dem kindlichen Entdecker an der Emscher wurde vielleicht ein jugendlicher Eckensteher, günstigstenfalls ein Stammkunde für Pommesbuden oder einfach die als "Bude" bezeichneten Kioske, die oft noch spätabends geöffnet waren. Dabei soll natürlich keinesfalls unterschlagen werden, dass das Spielen an der Emscher durchaus als nicht ungefährlich galt. So hieß es, dass man mit ernsten Gesundheitsgefährdungen hätte rechnen müssen, wenn man beim Spiel in die Emscher geplumpst wäre. Absperrungen und Warnschilder waren in diesem Sinne eindeutig und sind es, soweit noch vorhanden, bis heute. Die Vorstellung, an der Emscher spazieren zu gehen, schien damals undenkbar.
Doch bevor die wilde Emschergegend zivilisatorisch erschlossen wurde, gab es dort einige Attraktionen, zum Beispiel das Kartoffelfeuer. Besonders im Herbst wurden auf einer von vielen Wohnhäusern umgebenen Wiese Feuer entfacht, zuerst eines, um das sich Kinder und Jugendliche versammelten, um an zugespitzten Zweigen aufgespießte Kartoffeln hineinzulegen, dann immer mehr, bis sich schließlich die Kinder des ganzen Straßenzuges dort versammelt hatten, um Kartoffeln zuzubereiten, die irgendwann pottschwarz dem Feuer wieder entnommen wurden. Alufolie war damals nicht verbreitet und stand für Events dieser Art sowieso nicht zur Verfügung. Getränke ebensowenig. Emscherkinder waren nicht verwöhnt, nach solch einer Attraktion aber noch viel schmutziger, als sie es sonst nach dem Spiel schon immer waren. Wenn sie nach so einem tollen Tag erschöpft in ihre Betten fielen, hatten sie, wie noch in den darauf folgenden Tagen, den Geruch des Feuers in den Haaren, der den Emschergeruch mal kurzzeitig überdeckte.
Doch bevor die wilde Emschergegend zivilisatorisch erschlossen wurde, gab es dort einige Attraktionen, zum Beispiel das Kartoffelfeuer. Besonders im Herbst wurden auf einer von vielen Wohnhäusern umgebenen Wiese Feuer entfacht, zuerst eines, um das sich Kinder und Jugendliche versammelten, um an zugespitzten Zweigen aufgespießte Kartoffeln hineinzulegen, dann immer mehr, bis sich schließlich die Kinder des ganzen Straßenzuges dort versammelt hatten, um Kartoffeln zuzubereiten, die irgendwann pottschwarz dem Feuer wieder entnommen wurden. Alufolie war damals nicht verbreitet und stand für Events dieser Art sowieso nicht zur Verfügung. Getränke ebensowenig. Emscherkinder waren nicht verwöhnt, nach solch einer Attraktion aber noch viel schmutziger, als sie es sonst nach dem Spiel schon immer waren. Wenn sie nach so einem tollen Tag erschöpft in ihre Betten fielen, hatten sie, wie noch in den darauf folgenden Tagen, den Geruch des Feuers in den Haaren, der den Emschergeruch mal kurzzeitig überdeckte.
18.12.14
Warten auf das Christkind
Früher gab es am Heiligen Abend im damals noch ausschließlich öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm eine Sendung, die "Wir warten auf das Christkind" hieß. Das Schlimme daran ist, dass diejenigen Kinder, die man vor das Fernsehgerät setzte, das dadurch im wahrsten Wortsinn zu einer Idiotenlaterne wurde, wirklich auf das Christkind warteten. Diese Art von Bestrahlung wurde notwendig, wenn nicht ein Erwachsener zur Verfügung stand, um mit den lieben Kleinen einen weihnachtlichen Spaziergang durch die Emscherlandschaft zu machen, während zu Hause in der Wohnung das Christkind die Bescherung vornahm.
Wenn sie dann zurück nach Hause kamen, war der Weihnachtsbaum geschmückt, die Kerzen entzündet oder die elektrischen Kerzen eingeschaltet, und unter dem Weihnachtsbaum lagen die Geschenke. Diese, so sagte man den Kindern, hätte soeben das Christkind vorbeigebracht und bei dieser Gelegenheit auch den Baum geschmückt. An das Christkind musste geglaubt werden, und selbst Eltern, die sich für fortschrittlich hielten, diskutierten darüber, wann es denn an der Zeit sei, den Kleinen die grausame Wahrheit zu sagen: "Es gibt keinen Osterhasen, keinen Nikolaus und auch kein Christkind." Am liebsten wäre es anscheinend selbst den fortschrittlichsten Eltern gewesen, dass der Glaube an das Christkind niemals geendet hätte, so als ob den Glauben an das Christkind ein Tabu umgeben hätte.
Wie sah es denn nun aus, dieses Christkind? Was hatte es mit dem Herrn Jesus zu tun, dessen Geburt am Heiligen Abend gefeiert wird? Vor allem, dass es Geschenke brachte in der Nacht, als vor 2000 Jahren der Heiland zur Welt kam - also als der Klapperstorch ihn brachte, denn irgendwie muss das Jesuskind in seine Krippe in Bethlehems Stall gelangt sein. Durch den Klapperstorch? Steht das in der Bibel? Das soll man in den Städten an der Emscher geglaubt haben; denn der Klapperstorch brachte, wie das Emscherkind von seinen Emschereltern erfuhr, selbst noch vor weniger als 50 Jahren die Kinder dorthin. Die wenigen Störche, die es dort gab, müssen sehr ausgelastet gewesen sein. Wahrscheinlich wäre es heute noch so, wenn nicht irgendwer auf die Idee gekommen wäre, im Ruhrgebiet Universitäten zu bauen.
Wenn sie dann zurück nach Hause kamen, war der Weihnachtsbaum geschmückt, die Kerzen entzündet oder die elektrischen Kerzen eingeschaltet, und unter dem Weihnachtsbaum lagen die Geschenke. Diese, so sagte man den Kindern, hätte soeben das Christkind vorbeigebracht und bei dieser Gelegenheit auch den Baum geschmückt. An das Christkind musste geglaubt werden, und selbst Eltern, die sich für fortschrittlich hielten, diskutierten darüber, wann es denn an der Zeit sei, den Kleinen die grausame Wahrheit zu sagen: "Es gibt keinen Osterhasen, keinen Nikolaus und auch kein Christkind." Am liebsten wäre es anscheinend selbst den fortschrittlichsten Eltern gewesen, dass der Glaube an das Christkind niemals geendet hätte, so als ob den Glauben an das Christkind ein Tabu umgeben hätte.
Wie sah es denn nun aus, dieses Christkind? Was hatte es mit dem Herrn Jesus zu tun, dessen Geburt am Heiligen Abend gefeiert wird? Vor allem, dass es Geschenke brachte in der Nacht, als vor 2000 Jahren der Heiland zur Welt kam - also als der Klapperstorch ihn brachte, denn irgendwie muss das Jesuskind in seine Krippe in Bethlehems Stall gelangt sein. Durch den Klapperstorch? Steht das in der Bibel? Das soll man in den Städten an der Emscher geglaubt haben; denn der Klapperstorch brachte, wie das Emscherkind von seinen Emschereltern erfuhr, selbst noch vor weniger als 50 Jahren die Kinder dorthin. Die wenigen Störche, die es dort gab, müssen sehr ausgelastet gewesen sein. Wahrscheinlich wäre es heute noch so, wenn nicht irgendwer auf die Idee gekommen wäre, im Ruhrgebiet Universitäten zu bauen.
17.12.14
Wie war es ohne Weihnachtsmarkt?
Weihnachtsmärkte gibt es nun schon sehr lange in den Städten an der Emscher. Karussels und Bratfischbuden, Glühweinstände und Wohltätigkeitsveranstaltungen bringen die Augen der kleinen und großen Kinder in den Fußgängerzonen der Emscherstädte zum Leuchten. Die Fußgängerzonen gibt es schon länger als die Weihnachtsmärkte, zu denen sich noch mehr über das ganze Jahr verteilte Events gesellten, seit die Innenstädte mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbarer wurden.
Aber es war nicht immer so.
Vor vielen Jahren, da fuhren auch durch die kleineren Städte an der Emscher Straßenbahnen, meistens sogar mehrere. Weil auch der Autoverkehr noch durch die Innenstädte ging, kamen sie nur langsam voran. Geschäfte öffneten abends bis halb sieben, samstags bis zum Mittag. Der Einkaufsbummel geriet zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit.
Dann entstanden Einkaufszentren, zunächst draußen vor den Städten, manchmal auch in der Stadt selbst, und bald schon wurden die ersten Stadtzentren autofrei. Doch weil gleichzeitig auch U-Bahnen gebaut wurden, waren die nunmehr von Autoverkehr befreiten Innenstädte oft nur Großbaustellen.
Verbraucherfreundlichere Landenöffnungszeiten wurden erst allmählich nach der Inbetriebnahme der ersten U-Bahn-Linien eingeführt.
Wenn man heute über die schönen Weihnachtsmärkte der in einem der größten Ballungsgebiete Europas gelegenen Emscherregion schlendert, denkt man gar nicht mehr daran. Das Ruhrgebiet hat seine eigene Atmosphäre entwickelt, nicht die einer Hauptstadt und auch nicht die einer Weltstadt, sondern die des Ruhrgebietes, die in jeder Stadt ein wenig unterschiedlich ist und in der Emscherregion typisch für die Emscherregion: Etwas billig und dabei doch hochwertig, etwas unprätentiös und dabei ganz anspruchsvoll. Arbeiterkultur trifft hier auf Gelsenkirchener Barock und bildet zu Weihnachten die Kulisse für den Weihnachtsmarkt. Man könnte die Emscherregion als Perle in der Auster Ruhrgebiet ansehen und ihre Städte als elegante Damen von Welt. Doch dafür bräuchten sie dringend ein anderes Parfum.
Aber es war nicht immer so.
Vor vielen Jahren, da fuhren auch durch die kleineren Städte an der Emscher Straßenbahnen, meistens sogar mehrere. Weil auch der Autoverkehr noch durch die Innenstädte ging, kamen sie nur langsam voran. Geschäfte öffneten abends bis halb sieben, samstags bis zum Mittag. Der Einkaufsbummel geriet zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit.
Dann entstanden Einkaufszentren, zunächst draußen vor den Städten, manchmal auch in der Stadt selbst, und bald schon wurden die ersten Stadtzentren autofrei. Doch weil gleichzeitig auch U-Bahnen gebaut wurden, waren die nunmehr von Autoverkehr befreiten Innenstädte oft nur Großbaustellen.
Verbraucherfreundlichere Landenöffnungszeiten wurden erst allmählich nach der Inbetriebnahme der ersten U-Bahn-Linien eingeführt.
Wenn man heute über die schönen Weihnachtsmärkte der in einem der größten Ballungsgebiete Europas gelegenen Emscherregion schlendert, denkt man gar nicht mehr daran. Das Ruhrgebiet hat seine eigene Atmosphäre entwickelt, nicht die einer Hauptstadt und auch nicht die einer Weltstadt, sondern die des Ruhrgebietes, die in jeder Stadt ein wenig unterschiedlich ist und in der Emscherregion typisch für die Emscherregion: Etwas billig und dabei doch hochwertig, etwas unprätentiös und dabei ganz anspruchsvoll. Arbeiterkultur trifft hier auf Gelsenkirchener Barock und bildet zu Weihnachten die Kulisse für den Weihnachtsmarkt. Man könnte die Emscherregion als Perle in der Auster Ruhrgebiet ansehen und ihre Städte als elegante Damen von Welt. Doch dafür bräuchten sie dringend ein anderes Parfum.
1.12.14
Autofreier Sonntag an der Emscher
Anfang der Siebziger Jahre war eine Zeit, als es manchmal schon mittags Fernsehen gab. Fernsehen, bei dem es sich nicht um Bundestagsdebatten handelte. Dann würde häufig über Flugzeugentführungen berichtet. Die Palästinenserorganisation PLO entführte Flugzeuge der Lufthansa und hielt das deutsche Fernsehpublikum in Atem. Es war die Zeit heißer Kriege zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten. In dieser Zeit begann die Organisation der Erdölexportierenden Länder, ihre Öllieferungen zeitweise auszusetzen, generell einzuschränken und zu verteuern. Ölkrise nannte man das.
Als Reaktion darauf gab es einen Monat lang autofreie Sonntage: Man durfte dann sonntags sein Auto nicht mehr benutzen. Die Menschen an der Emscher hatten sich daran gewöhnt, am Wochenende mit dem eigenen KfZ schönere Gegenden aufzususchen. Was blieb ihnen nun übrig, als an diesen Sonntagen die eigene Umgebung zu Fuß zu erkunden? Das sonntägliche Fernsehen mit meist zwei, selten drei Sendern, die ein paar alte Spielfilme zeigten, konnten nicht für Abwechslung am Wochenende sorgen. Der öffentliche Personenverkehr war nicht annähernd so gut ausgebaut wie heute. Nein, es blieb einem nicht viel übrig als zu Fuß durch die an der Emscher gelegenen Stadtteile zu gehen und sich zu verdeutlichen, wo man wirklich wohnte: In einer Landschaft ohne Wohnqualität.
Alle waren froh, dass es bei wenigen autofreien Sonntage blieb. Und den meisten Menschen war klar, dass danach nichts mehr wie zuvor sein würde. Doch das war nicht nur negativ. Es hat sich seitdem landschaftlich unheimlich viel gebessert im Ruhrgebiet und auch an der Emscher. Vielleicht hat auch die Ölkrise mit ihren autofreien Sonntagen dazu beigetragen.
Als Reaktion darauf gab es einen Monat lang autofreie Sonntage: Man durfte dann sonntags sein Auto nicht mehr benutzen. Die Menschen an der Emscher hatten sich daran gewöhnt, am Wochenende mit dem eigenen KfZ schönere Gegenden aufzususchen. Was blieb ihnen nun übrig, als an diesen Sonntagen die eigene Umgebung zu Fuß zu erkunden? Das sonntägliche Fernsehen mit meist zwei, selten drei Sendern, die ein paar alte Spielfilme zeigten, konnten nicht für Abwechslung am Wochenende sorgen. Der öffentliche Personenverkehr war nicht annähernd so gut ausgebaut wie heute. Nein, es blieb einem nicht viel übrig als zu Fuß durch die an der Emscher gelegenen Stadtteile zu gehen und sich zu verdeutlichen, wo man wirklich wohnte: In einer Landschaft ohne Wohnqualität.
Alle waren froh, dass es bei wenigen autofreien Sonntage blieb. Und den meisten Menschen war klar, dass danach nichts mehr wie zuvor sein würde. Doch das war nicht nur negativ. Es hat sich seitdem landschaftlich unheimlich viel gebessert im Ruhrgebiet und auch an der Emscher. Vielleicht hat auch die Ölkrise mit ihren autofreien Sonntagen dazu beigetragen.
17.11.14
Wohnen an der Emscher
Die Wohnungen an der Emscher werden sich in den letzten Jahrzehnten gar nicht so sehr verändert haben. Mag sein, dass bestimmte Unternehmer das anders sehen würden und auf zahlreiche erfolgreiche Wärmedämmungsmaßnahmen hinweisen. Natürlich hat es auch sonst Modernisierungsmaßnahmen gegeben. Doch die typische Wohnung an der Emscher hat wahrscheinlich, wie eh und je, mittlere Größe und Ausstattung und befindet sich in einem Mehrfamilienhaus.
Das Lebensgefühl hat sich geändert.
Es ist noch gar nicht so lange her, da blieb ein Zimmer der Wohnung meistens unbewohnt: das Wohnzimmer. Konservativ eingerichtet wartete es darauf, dem Besuch gezeigt zu werden, wenn dieser überraschend kam.
Da die wenigen anderen Räume einer Wohnung nur bedingt zum verweilen eingerichtet waren, verbrachten Kinder und Jugendliche ihre Freizeit häufig auf der Straße im Einzugsbereich einer Trinkhalle oder Pommes Bude. Erwachsene Familienmitglieder hielten sich vielleicht in der nächsten Wirtschaft auf.
Man unterhielt sich gern und viel und verbrachte viel Zeit in der Gesellschaft anderer, die man mehr oder weniger gut kannte. Es kam oft vor, dass man sich dann immer wieder dieselben Dinge erzählte: Erlebnisse und Ereignisse aus dem Alltag an der Emscher.
Das Lebensgefühl hat sich geändert.
Es ist noch gar nicht so lange her, da blieb ein Zimmer der Wohnung meistens unbewohnt: das Wohnzimmer. Konservativ eingerichtet wartete es darauf, dem Besuch gezeigt zu werden, wenn dieser überraschend kam.
Da die wenigen anderen Räume einer Wohnung nur bedingt zum verweilen eingerichtet waren, verbrachten Kinder und Jugendliche ihre Freizeit häufig auf der Straße im Einzugsbereich einer Trinkhalle oder Pommes Bude. Erwachsene Familienmitglieder hielten sich vielleicht in der nächsten Wirtschaft auf.
Man unterhielt sich gern und viel und verbrachte viel Zeit in der Gesellschaft anderer, die man mehr oder weniger gut kannte. Es kam oft vor, dass man sich dann immer wieder dieselben Dinge erzählte: Erlebnisse und Ereignisse aus dem Alltag an der Emscher.
16.11.14
Der Traum vom schnellen Schreiben
Egal, ob das Emscherkind als erster oder letzter in den Genuss von Möglichkeiten zur Sprachaufzeichnung kam: Es gab eine Zeit, da war es etwas ganz besonderes, wenn man seine eigene Stimme schon einmal auf Tonband gehört hatte - und dann nur sehr kurz. Das war vor etwa 50 Jahren, wenn man in seiner Umgebung einen Trendsetter hatte - also jemand, der den Wunsch hatte, die neuesten technologischen Errungenschaften im Unterhaltungssektor sofort zu besitzen und auch die Mittel dazu.
Wenn also irgendwo Onkel und Tante sich so ein teures neues Gerät gekauft hatten und einen einmal seinen Namen aufs Band sprechen ließen, dann war das ein tolles Erlebnis.
Dasselbe lässt sich übrigens vom Farbfernsehen sagen. Nicht jeder hatte die Kinderstunde schon einmal in Farbe gesehen; denn dazu musste man jemand kennen, der sich schon einen Farbfernseher gekauft hatte. Natürlich konnte der dann nur das erste und zweite Fernsehprogramm empfangen, eventuell das dritte, wenn er eine besonders gute Antenne auf dem Dach hatte. Fernsehempfang nach 23 Uhr gab es vermutlich höchstens am Samstag oder vielleicht im Feiertagsprogramm. Vormittags und mittags gab es normalerweise kein Fernsehen, allerdings wurde der Übertragung von Bundestagsdebatten zu allen Tageszeiten Priorität eingeräumt. Und was sah man sonst, wenn man den Fernseher einschaltete? Ein Testbild der beiden großen Fernsehanstalten natürlich.
Vor etwa dreißig Jahren gab es erste und noch sehr teure Möglichkeiten, Fernsehprogramme aufzuzeichnen. Doch was bot sich da an? Die Seifenopern, die das öffentlich-rechtlich Fernsehen in zwei von einem Werbeblock getrennten Abschnitten sendete? Oder die uralten Kinder- oder Spielfilme aus den USA?
Radioprogrammeaufnehmen war auch schwierig, wenn man nicht einen Radiorecorder hatte. Kindern stand meist nicht einmal ein Radio zur Verfügung.
In jedem Fall war es teuer.
Selten also hatte man die Möglichkeit, etwas Interessantes mehrmals zu hören.
Wenn Wichtiges festgehalten werden sollte, war der schriftliche Weg oft der einzig mögliche und auf jeden Fall der preiswerteste.
Deswegen war es für ein Kind an der Emscher ein Ziel, möglichst schnell zu schreiben - ganz unabhängig von anderen, möglicherweise aufoktroyierten Anforderungen, wie besonders schön oder besonders richtig zu schreiben.
Eine Schnellschrift zu lernen, war daher ein Traum für Emscherkinder. Viele Menschen beherrschten auch die Stenografie, die in allen Büros und bei Gericht zum Einsatz kam. Dort wurde Wichtiges dann tatsächlich aufgezeichnet und so oft mir der Schreibmaschine übertragen, bis es fehlerfrei war. Denn was man einmal getippt hatte, ließ sich nachträglich nicht mehr korrigieren.
Zum Erlernen der Schnellschrift war damals wie heute viel Zeit erforderlich, die man nicht dadurch wieder zurück gewinnt, dass sich in Schnellschrift geschriebene Texte auch schneller lesen lassen.
Wenn also irgendwo Onkel und Tante sich so ein teures neues Gerät gekauft hatten und einen einmal seinen Namen aufs Band sprechen ließen, dann war das ein tolles Erlebnis.
Dasselbe lässt sich übrigens vom Farbfernsehen sagen. Nicht jeder hatte die Kinderstunde schon einmal in Farbe gesehen; denn dazu musste man jemand kennen, der sich schon einen Farbfernseher gekauft hatte. Natürlich konnte der dann nur das erste und zweite Fernsehprogramm empfangen, eventuell das dritte, wenn er eine besonders gute Antenne auf dem Dach hatte. Fernsehempfang nach 23 Uhr gab es vermutlich höchstens am Samstag oder vielleicht im Feiertagsprogramm. Vormittags und mittags gab es normalerweise kein Fernsehen, allerdings wurde der Übertragung von Bundestagsdebatten zu allen Tageszeiten Priorität eingeräumt. Und was sah man sonst, wenn man den Fernseher einschaltete? Ein Testbild der beiden großen Fernsehanstalten natürlich.
Vor etwa dreißig Jahren gab es erste und noch sehr teure Möglichkeiten, Fernsehprogramme aufzuzeichnen. Doch was bot sich da an? Die Seifenopern, die das öffentlich-rechtlich Fernsehen in zwei von einem Werbeblock getrennten Abschnitten sendete? Oder die uralten Kinder- oder Spielfilme aus den USA?
Radioprogrammeaufnehmen war auch schwierig, wenn man nicht einen Radiorecorder hatte. Kindern stand meist nicht einmal ein Radio zur Verfügung.
In jedem Fall war es teuer.
Selten also hatte man die Möglichkeit, etwas Interessantes mehrmals zu hören.
Wenn Wichtiges festgehalten werden sollte, war der schriftliche Weg oft der einzig mögliche und auf jeden Fall der preiswerteste.
Deswegen war es für ein Kind an der Emscher ein Ziel, möglichst schnell zu schreiben - ganz unabhängig von anderen, möglicherweise aufoktroyierten Anforderungen, wie besonders schön oder besonders richtig zu schreiben.
Eine Schnellschrift zu lernen, war daher ein Traum für Emscherkinder. Viele Menschen beherrschten auch die Stenografie, die in allen Büros und bei Gericht zum Einsatz kam. Dort wurde Wichtiges dann tatsächlich aufgezeichnet und so oft mir der Schreibmaschine übertragen, bis es fehlerfrei war. Denn was man einmal getippt hatte, ließ sich nachträglich nicht mehr korrigieren.
Zum Erlernen der Schnellschrift war damals wie heute viel Zeit erforderlich, die man nicht dadurch wieder zurück gewinnt, dass sich in Schnellschrift geschriebene Texte auch schneller lesen lassen.
8.11.14
Schule an der Emscher
Die nächsten Schulen waren weit von der Emscher entfernt, so weit wie der Wochenmarkt, manche auch weiter. Es gab eine Hauptschule, eine Realschule und ein Gymnasium. Die meisten Kinder fingen nach der Grundschule auf dem Gymnasium an. Später besuchten die Kinder von der Emscher die drei Schultypen zu etwa gleichen Teilen und sahen sich manchmal in ihrer Freizeit.
Kinder aus dem Ausland gab es bald schon viel mehr an der Emscher. Ihre Zahl wuchs in wenigen Jahren stark an. An den Freizeitaktivitäten der anderen Jugendlichen nahmen sie nicht Teil. Aus der Schule kannte man sie nicht. Sie gingen in eine spezielle Klasse. Dort waren Kinder aus vielen Nationen in einer Klasse - aus der Türkei, aus Griechenland, aus Polen. Sie sprachen oft sehr wenig Deutsch und konnten sich nur mit ihren Mitschülern unterhalten, wenn sie dieselbe Muttersprache hatten. Der speziell für sie eingerichtete Unterricht fand auf Deutsch im Gebäude der Hauptschule statt.
Jüngere Kinder besuchten ganz normal die Grundschule. Ein Kind ging schon zum dritten Mal in die erste Klasse. Sein Vater war Bergmann auf einer Zeche. Immer, wenn nach den Ferien die Schule wieder begann, packte die Familie ihre fünf Kinder in ihren Kleinbus und machte einen Monat Urlaub zu Hause in der Türkei. Wenn sie wieder aus der Türkei zurück kamen, hatte der Kleine schon so viel verpasst, dass er am Ende des Schuljahres sitzen blieb.
Es zogen viele Menschen aus dem Ausland an die Emscher. Integration war kein Thema. Niemand schien sich dafür zu interessieren.
Kinder aus dem Ausland gab es bald schon viel mehr an der Emscher. Ihre Zahl wuchs in wenigen Jahren stark an. An den Freizeitaktivitäten der anderen Jugendlichen nahmen sie nicht Teil. Aus der Schule kannte man sie nicht. Sie gingen in eine spezielle Klasse. Dort waren Kinder aus vielen Nationen in einer Klasse - aus der Türkei, aus Griechenland, aus Polen. Sie sprachen oft sehr wenig Deutsch und konnten sich nur mit ihren Mitschülern unterhalten, wenn sie dieselbe Muttersprache hatten. Der speziell für sie eingerichtete Unterricht fand auf Deutsch im Gebäude der Hauptschule statt.
Jüngere Kinder besuchten ganz normal die Grundschule. Ein Kind ging schon zum dritten Mal in die erste Klasse. Sein Vater war Bergmann auf einer Zeche. Immer, wenn nach den Ferien die Schule wieder begann, packte die Familie ihre fünf Kinder in ihren Kleinbus und machte einen Monat Urlaub zu Hause in der Türkei. Wenn sie wieder aus der Türkei zurück kamen, hatte der Kleine schon so viel verpasst, dass er am Ende des Schuljahres sitzen blieb.
Es zogen viele Menschen aus dem Ausland an die Emscher. Integration war kein Thema. Niemand schien sich dafür zu interessieren.
7.11.14
Das erste Kind aus der Türkei
Als das erste türkische Kind in die Klasse kam, waren wir im zweiten Schuljahr. Das war ein stiller Junge. Er hieß Metin. So wurde er uns vorgestellt. Metin aus der Türkei. Wir konnten kein einziges Wort mit ihm reden und die Lehrerin auch nicht. Er sprach nämlich kein Deutsch.
Genügsam setzte er sich dorthin, wohin er platziert wurde. Er nahm einen Bleistift und ein Heft aus seiner Schultasche und begann, Schwungübungen in sein Heft zu malen, wie wir das vor wenigen Monaten auch getan hatten, als wir noch im ersten Schuljahr gewesen waren. Doch daran dachten wir nicht. Uns erschien es, als schriebe Metin in einer fremden Schrift. Fragen konnten wir ihn nicht, und er kam ins zweite Schuljahr und war auch ziemlich groß. Deshalb setzten wir voraus, dass er so gut schreiben konnte wie wir, und daraus schlossen wir, dass er eine andere Schrift haben musste.
Unsere Oma meinte das auch. In der Türkei würde nicht in lateinischen Buchstaben geschrieben. Oma konnte selbst die lateinische Druckschrift lesen, aber nur Sütterlin schreiben. Sie war sich da ganz sicher: In der Türkei schrieb man nicht wie bei uns.
Die Lehrerin sagte nichts. Sie sagte gar nichts zu dem Neuen. Mehrere Tage kam der freundliche Junge in unsere Klasse und machte demutsvoll seine Schwungübungen an seinem Tisch in der letzten Reihe.
Eine Woche später kam er nicht mehr. Die Lehrerin sagte nichts dazu.
Genügsam setzte er sich dorthin, wohin er platziert wurde. Er nahm einen Bleistift und ein Heft aus seiner Schultasche und begann, Schwungübungen in sein Heft zu malen, wie wir das vor wenigen Monaten auch getan hatten, als wir noch im ersten Schuljahr gewesen waren. Doch daran dachten wir nicht. Uns erschien es, als schriebe Metin in einer fremden Schrift. Fragen konnten wir ihn nicht, und er kam ins zweite Schuljahr und war auch ziemlich groß. Deshalb setzten wir voraus, dass er so gut schreiben konnte wie wir, und daraus schlossen wir, dass er eine andere Schrift haben musste.
Unsere Oma meinte das auch. In der Türkei würde nicht in lateinischen Buchstaben geschrieben. Oma konnte selbst die lateinische Druckschrift lesen, aber nur Sütterlin schreiben. Sie war sich da ganz sicher: In der Türkei schrieb man nicht wie bei uns.
Die Lehrerin sagte nichts. Sie sagte gar nichts zu dem Neuen. Mehrere Tage kam der freundliche Junge in unsere Klasse und machte demutsvoll seine Schwungübungen an seinem Tisch in der letzten Reihe.
Eine Woche später kam er nicht mehr. Die Lehrerin sagte nichts dazu.
5.11.14
Instantpudding aus Holland - Emscherkulinarik fortschrittlich
Kann man sich heute noch ein Leben ohne Fertigprodukte vorstellen? Längst haben an der Emscher, wie überall in Deutschland, Supermärkte ihr Domizil. Sie bieten seitdem eine sich ständig erweiternde Palette von Produkten für die Schnellküche an, zunächst sehr teuer, dann als preisgünstige Noname-Marken.
Wahrscheinlich konnte man diese Sachen immer schon irgendwo an der Emscher kaufen, seit sie erfunden worden sind. Die Emschertradition ist eine andere: Der Emscherbewohner versorgte sich schon immer gerne im Rahmen einer größeren Reise mit diesen Segnungen.
Er brachte sich Tee, Kaffee, Instantpuddingpulver und Babypuder von seinem Urlaub in Holland mit. Wenn die Vorräte aufgebraucht waren, war wieder ein Tagesausflug fällig, aber irgendwie nicht so einer wie heute, wo man mal eben mit dem öffentlichen Nahverkehr ins Nachbarland fährt. Es wurde ein ganzer Tag eingeplant. Eltern, Kinder, Großeltern, Oma und Opa, vielleicht auch liebe Nachbarn, quetschten sich in den PKW und unternahmen eine unbequeme Reise, die nur am Rastplatz der Autobahn unterbrochen wurde, um Tee aus der Thermosflasche, Leberwurstbrötchen und hartgekochte Eier zu genießen. Schokolade war damals noch eine Rarität, die auch erst in Holland eingekauft werden musste. Deshalb war man schließlich unterwegs.
Nach der Rast ging es dann weiter zu einem von schätzungsweise vier Grenzübergängen, die nur wenige Stunden am Tag geöffnet waren. Wenn man selbst unterwegs war, waren es auch viele andere. Das konnte also dauern. Doch wenn man am Tag der Einkaufsreise die Grenze auch wieder in Richtung Heimat passieren konnte, dann war man schon froh.
Erschöpft ließ man sich abends in die Kissen fallen und träumte von dem, was man so eben erreicht hatte. Am nächsten Tag, der oft ein Sonntag war, konnte man dann ein Schälchen Instantpudding auf den gelungenen Einkauf genießen.
Ein bisschen von dieser Tradition ist geblieben. An den Feiertagen sind die Autobahnen Richtung Niederlande auch heute noch genauso aufgestaut wie an jedem Werktag.
Wahrscheinlich konnte man diese Sachen immer schon irgendwo an der Emscher kaufen, seit sie erfunden worden sind. Die Emschertradition ist eine andere: Der Emscherbewohner versorgte sich schon immer gerne im Rahmen einer größeren Reise mit diesen Segnungen.
Er brachte sich Tee, Kaffee, Instantpuddingpulver und Babypuder von seinem Urlaub in Holland mit. Wenn die Vorräte aufgebraucht waren, war wieder ein Tagesausflug fällig, aber irgendwie nicht so einer wie heute, wo man mal eben mit dem öffentlichen Nahverkehr ins Nachbarland fährt. Es wurde ein ganzer Tag eingeplant. Eltern, Kinder, Großeltern, Oma und Opa, vielleicht auch liebe Nachbarn, quetschten sich in den PKW und unternahmen eine unbequeme Reise, die nur am Rastplatz der Autobahn unterbrochen wurde, um Tee aus der Thermosflasche, Leberwurstbrötchen und hartgekochte Eier zu genießen. Schokolade war damals noch eine Rarität, die auch erst in Holland eingekauft werden musste. Deshalb war man schließlich unterwegs.
Nach der Rast ging es dann weiter zu einem von schätzungsweise vier Grenzübergängen, die nur wenige Stunden am Tag geöffnet waren. Wenn man selbst unterwegs war, waren es auch viele andere. Das konnte also dauern. Doch wenn man am Tag der Einkaufsreise die Grenze auch wieder in Richtung Heimat passieren konnte, dann war man schon froh.
Erschöpft ließ man sich abends in die Kissen fallen und träumte von dem, was man so eben erreicht hatte. Am nächsten Tag, der oft ein Sonntag war, konnte man dann ein Schälchen Instantpudding auf den gelungenen Einkauf genießen.
Ein bisschen von dieser Tradition ist geblieben. An den Feiertagen sind die Autobahnen Richtung Niederlande auch heute noch genauso aufgestaut wie an jedem Werktag.
4.11.14
Mehr oder weniger doll - Emscherkulinarik
Vielleicht hat jemand konkrete Vorstellungen davon, wie es an der Emscher roch und deshalb nie danach gefragt. Die Antwort wäre auch nicht erwähnenswert. Es roch. Mal doller und mal weniger doll, aber immer auf eine unbeschreibliche Art. Es roch nach Schwefel, Altöl und anderem.
So roch nur die Emscher.
Der Gestank zog in die Wohnung, selbst durch das geschlossene Fenster. Wer es sich leisten konnte, fuhr am Wochenende aufs Land. Wer seine Heimat in den umliegenden Naherholungsgebieten hatte, fuhr nach Hause. Oder auf einen Campingplatz. Wer dem Geruch entfliehen konnte, tat es.
Doch es gab Schrebergärten am Emscherufer und Gärten, die zu Ein- und Mehrfamilienhäusern gehörten. Dort saßen bei Sonnenschein Menschen in geselliger Runde beisammen und klönten. Da trank man dann warme Getränke aus einer Thermosflasche oder kalte Getränke aus dem Kasten, den ein Heimdienst vorbeigebracht hatte.
Das war einige Jahre vor der Erfindung der Kaffemaschine.
Kuchen wurde oft selbst gebacken; denn in den wenigen Bäckereien, die es an der Emscher gab, musste man am Wochenende sehr lange Schlange stehen, um an den ersehnten Kuchen zu kommen. Dahin ging man also nur, wenn an einem der vom Emschernebel verhangenen Tage ohne Freizeitvergnügen plötzlich Besuch kam. Dann ging man zehn Minuten durch dichten riechenden Nebel zur nächsten Bäckerei, die sonntags um zwei öffnete. Am besten ging man schon um eins, direkt nach dem Mittagessen. Dann musste man zwar auch lange warten, aber die fünf Stücke Bienenstich, die man für eine gewisse Vielfalt der Kaffetafel brauchte und die es zu jeder Saison gab, waren oft noch nicht ausverkauft, wenn man endlich an die Reihe kam.
Wenn man es plante, konnte man selbst backen und die Zutaten dafür in dem einzigen Tante-Emma-Laden des Stadtteils kaufen. Er gehörte einer Kooperative an und verkaufte Grundnahrungsmittel und Obst und Gemüse der Saison zu unvorstellbaren Preisen. Ganz Vorausschauende konnten für das Backvergnügen auch auf dem Wochenmarkt einkaufen. Er fand zweimal wöchentlich statt, zwei Kilometer vom Emscherufer entfernt.
Mit dem Erstandenen konnte gebacken werden: Apfelkuchen oder Pflaumenkuchen waren die Renner, je nach Saison. Im Winter gab es Rodonkuchen, Quarkkuchen oder - bei besonderen Anlässen - Käsesahnetorte.
Sahne zum Trockenkuchen holte man sich gerne in der Eisdiele. Da konnte man sich auch an der einzigen Pommesbude weit und breit eine Portion Pommes holen. Die erste Pizzeria kam erst Jahre später.
Was die Leute an der Emscher so gegessen haben? Reibekuchen mit Apfelmus, Pfannekuchen, Leber mit Kartoffelpüree und Zwiebeln, Sauerkraut, Kohlgerichte und Frikadellen waren typische Gerichte. Freitags gab es bei den meisten Fisch, samstags Erbsensuppe, sonntags Braten oder Rouladen. Sehr beliebt als Sonntagsgerichte waren "Falscher Hase", ein mit Eiern gefüllter Hackbraten, und "Falsches Kotelett", also panierte und gebratene Bauchfleischscheiben.
Schnitzel, Gulasch und Backhendl genossen die Leute in den wenigen Restaurants, die es an der Emscher gab. Das Trendgericht für Parties war Nudeln mit Hackfleischsoße - nicht immer mit Tomatenmark, das man nur selten kaufen konnte.
Nach welchem Essen es auch duftete, die Emscher roch man immer. Mehr oder weniger doll.
So roch nur die Emscher.
Der Gestank zog in die Wohnung, selbst durch das geschlossene Fenster. Wer es sich leisten konnte, fuhr am Wochenende aufs Land. Wer seine Heimat in den umliegenden Naherholungsgebieten hatte, fuhr nach Hause. Oder auf einen Campingplatz. Wer dem Geruch entfliehen konnte, tat es.
Doch es gab Schrebergärten am Emscherufer und Gärten, die zu Ein- und Mehrfamilienhäusern gehörten. Dort saßen bei Sonnenschein Menschen in geselliger Runde beisammen und klönten. Da trank man dann warme Getränke aus einer Thermosflasche oder kalte Getränke aus dem Kasten, den ein Heimdienst vorbeigebracht hatte.
Das war einige Jahre vor der Erfindung der Kaffemaschine.
Kuchen wurde oft selbst gebacken; denn in den wenigen Bäckereien, die es an der Emscher gab, musste man am Wochenende sehr lange Schlange stehen, um an den ersehnten Kuchen zu kommen. Dahin ging man also nur, wenn an einem der vom Emschernebel verhangenen Tage ohne Freizeitvergnügen plötzlich Besuch kam. Dann ging man zehn Minuten durch dichten riechenden Nebel zur nächsten Bäckerei, die sonntags um zwei öffnete. Am besten ging man schon um eins, direkt nach dem Mittagessen. Dann musste man zwar auch lange warten, aber die fünf Stücke Bienenstich, die man für eine gewisse Vielfalt der Kaffetafel brauchte und die es zu jeder Saison gab, waren oft noch nicht ausverkauft, wenn man endlich an die Reihe kam.
Wenn man es plante, konnte man selbst backen und die Zutaten dafür in dem einzigen Tante-Emma-Laden des Stadtteils kaufen. Er gehörte einer Kooperative an und verkaufte Grundnahrungsmittel und Obst und Gemüse der Saison zu unvorstellbaren Preisen. Ganz Vorausschauende konnten für das Backvergnügen auch auf dem Wochenmarkt einkaufen. Er fand zweimal wöchentlich statt, zwei Kilometer vom Emscherufer entfernt.
Mit dem Erstandenen konnte gebacken werden: Apfelkuchen oder Pflaumenkuchen waren die Renner, je nach Saison. Im Winter gab es Rodonkuchen, Quarkkuchen oder - bei besonderen Anlässen - Käsesahnetorte.
Sahne zum Trockenkuchen holte man sich gerne in der Eisdiele. Da konnte man sich auch an der einzigen Pommesbude weit und breit eine Portion Pommes holen. Die erste Pizzeria kam erst Jahre später.
Was die Leute an der Emscher so gegessen haben? Reibekuchen mit Apfelmus, Pfannekuchen, Leber mit Kartoffelpüree und Zwiebeln, Sauerkraut, Kohlgerichte und Frikadellen waren typische Gerichte. Freitags gab es bei den meisten Fisch, samstags Erbsensuppe, sonntags Braten oder Rouladen. Sehr beliebt als Sonntagsgerichte waren "Falscher Hase", ein mit Eiern gefüllter Hackbraten, und "Falsches Kotelett", also panierte und gebratene Bauchfleischscheiben.
Schnitzel, Gulasch und Backhendl genossen die Leute in den wenigen Restaurants, die es an der Emscher gab. Das Trendgericht für Parties war Nudeln mit Hackfleischsoße - nicht immer mit Tomatenmark, das man nur selten kaufen konnte.
Nach welchem Essen es auch duftete, die Emscher roch man immer. Mehr oder weniger doll.
3.11.14
Ein Emschergedicht
An der Emscher und so weiter
Die Stadt an der Emscher steht selten im Starblatt.
Am grünlichen Gewässer der Güterhafen -
mit Schrebergärten garniert, denen verschlafen
ein Baustellenkran winkt - gehört zur Nachbarstadt.
Das kümmert die Möwen nicht. Sie nutzen als Watt
Schmuddelpfützen, die rötliche Sonne trafen,
wo sie sich zeigte. Wollte sie bestrafen
den Namen der Stadt? Wer hier einen Schrottplatz hat?
Der Abend vergießt hier sein Rot nicht auf Orten
sondern grauen Straßen und Industriebrachen,
Schrottplätzen, Zechen und Türmen, Fabrikpforten.
Herne ist mittendrin nicht leicht auszumachen.
Straßen und Städte entsprechen sich in Worten.
So kann man hier schlafen und anderswo wachen.
Dieses Gedicht hat die Zeitschrift Unicum vor vielen Jahren einmal unter einem Pseudonym von mir abgedruckt. Ich habe mich darüber sehr gefreut.
Ich beschäftigte mich damals weniger als heute mit Literatur und hielt mein Gedicht für expressionistisch.
Die Stadt an der Emscher steht selten im Starblatt.
Am grünlichen Gewässer der Güterhafen -
mit Schrebergärten garniert, denen verschlafen
ein Baustellenkran winkt - gehört zur Nachbarstadt.
Das kümmert die Möwen nicht. Sie nutzen als Watt
Schmuddelpfützen, die rötliche Sonne trafen,
wo sie sich zeigte. Wollte sie bestrafen
den Namen der Stadt? Wer hier einen Schrottplatz hat?
Der Abend vergießt hier sein Rot nicht auf Orten
sondern grauen Straßen und Industriebrachen,
Schrottplätzen, Zechen und Türmen, Fabrikpforten.
Herne ist mittendrin nicht leicht auszumachen.
Straßen und Städte entsprechen sich in Worten.
So kann man hier schlafen und anderswo wachen.
Dieses Gedicht hat die Zeitschrift Unicum vor vielen Jahren einmal unter einem Pseudonym von mir abgedruckt. Ich habe mich darüber sehr gefreut.
Ich beschäftigte mich damals weniger als heute mit Literatur und hielt mein Gedicht für expressionistisch.
2.11.14
Die Emscher - Fluss der Superlative
Wer jemals stolz von sich gegeben hat, mit Emscherwasser getauft worden zu sein, hat daraufhin sofort immer eines gehört: "Der dreckigste Fluss Deutschlands." Ok - vielleicht nicht immer nur eines. Vielleicht auch noch: "Der schmutzigste Fluss Deutschlands." Doch der Superlativ bezog sich immer auf den immensen Grad der Umweltzerstörung, den dieser kleine Fluss erlitten hat.
Die Emscher - so klein und so entlegen sie auch sein mag - ist nicht etwa ein Nebenfluss der Ruhr. Das glauben zwar auch viele ihrer Anwohner, aber sie ist ein Nebenfluss des Rheines. Warum wird das wohl verschwiegen?
"Warum ist es am Rhein so schön?" stimmt hier nicht. Und auch, dass die Emscher sauberer geworden sei, lässt sich bisher nicht so einfach bestätigen. Es gibt mindestens eine Stelle im Verlauf der Emscher, da stinkt sie in ihrem künstlichen Flussbett genauso abscheulich vor sich hin, wie sie es seit jeher tun muss, um dem parallel dazu verlaufenden Rhein-Herne-Kanal mehr Ansehen zu verleihen. Er wurde völlig künstlich angelegt und ist inzwischen zu einem Naherholungsgebiet mit industrieller Tradition herangereift.
Anscheinend holt die Emscher aber auf. Langsam nur. Viele werden ihre Renaturierung vielleicht gar nicht mehr miterleben. Es wäre schön, die Emscher einmal sauber zu sehen. Sie würde damit zu einem Symbol dafür, dass wiederhergestellt werden kann, was einmal von Menschenhand zerstört wurde.
Keine Ahnung, wie lange sie dafür noch brauchen werden. Irgendwann wird es Freude machen, an der Emscher entlang spazieren zu gehen. Sie wird dann nicht mehr bestialisch vor sich hin stinken, das Wasser wird nicht mehr von Fäkalien braun oder von Schlachtabfällen rot gefärbt sein. Die Emscher wird dann unser Leben verschönern und deswegen ihrerseits Ansehen erlangen. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Sie hat ja vor langer Zeit ein künstliches Flussbett erhalten. Damals haben irgendwelche Menschen in die Natur eingegriffen, um einen natürlichen Fluss zum Abwasserkanal zu degradieren. Spätere Generationen wollten das nicht und versuchen seitdem, die Natur so gut es geht wieder herzustellen.
Es wird also eine neue, andere Emscher geben. Eine saubere Emscher in neuer Form. Der einstmals dreckigste Fluss Deutschlands wird gereinigt. Das hat auch einen gewissen Symbolwert.
Turistenbusse sollten anreisen und schauen, wie das aussieht: Die Emscher einst und jetzt. Doch das wird nicht passieren. Denn nach der Bemerkung: "Der dreckigste Fluss..." war das Gespräch immer gleicht zu Ende. Was das für die Anwohner für Auswirkungen hat, wie das ist, an so einem Fluss zu wohnen, hat keinen interessiert. Deshalb wird auch wahrscheinlich keiner dorthin fahren, um zu schauen, wie es dann ist. Wenn die Emscher erst einmal sauber sein wird.
Die Emscher - so klein und so entlegen sie auch sein mag - ist nicht etwa ein Nebenfluss der Ruhr. Das glauben zwar auch viele ihrer Anwohner, aber sie ist ein Nebenfluss des Rheines. Warum wird das wohl verschwiegen?
"Warum ist es am Rhein so schön?" stimmt hier nicht. Und auch, dass die Emscher sauberer geworden sei, lässt sich bisher nicht so einfach bestätigen. Es gibt mindestens eine Stelle im Verlauf der Emscher, da stinkt sie in ihrem künstlichen Flussbett genauso abscheulich vor sich hin, wie sie es seit jeher tun muss, um dem parallel dazu verlaufenden Rhein-Herne-Kanal mehr Ansehen zu verleihen. Er wurde völlig künstlich angelegt und ist inzwischen zu einem Naherholungsgebiet mit industrieller Tradition herangereift.
Anscheinend holt die Emscher aber auf. Langsam nur. Viele werden ihre Renaturierung vielleicht gar nicht mehr miterleben. Es wäre schön, die Emscher einmal sauber zu sehen. Sie würde damit zu einem Symbol dafür, dass wiederhergestellt werden kann, was einmal von Menschenhand zerstört wurde.
Keine Ahnung, wie lange sie dafür noch brauchen werden. Irgendwann wird es Freude machen, an der Emscher entlang spazieren zu gehen. Sie wird dann nicht mehr bestialisch vor sich hin stinken, das Wasser wird nicht mehr von Fäkalien braun oder von Schlachtabfällen rot gefärbt sein. Die Emscher wird dann unser Leben verschönern und deswegen ihrerseits Ansehen erlangen. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Sie hat ja vor langer Zeit ein künstliches Flussbett erhalten. Damals haben irgendwelche Menschen in die Natur eingegriffen, um einen natürlichen Fluss zum Abwasserkanal zu degradieren. Spätere Generationen wollten das nicht und versuchen seitdem, die Natur so gut es geht wieder herzustellen.
Es wird also eine neue, andere Emscher geben. Eine saubere Emscher in neuer Form. Der einstmals dreckigste Fluss Deutschlands wird gereinigt. Das hat auch einen gewissen Symbolwert.
Turistenbusse sollten anreisen und schauen, wie das aussieht: Die Emscher einst und jetzt. Doch das wird nicht passieren. Denn nach der Bemerkung: "Der dreckigste Fluss..." war das Gespräch immer gleicht zu Ende. Was das für die Anwohner für Auswirkungen hat, wie das ist, an so einem Fluss zu wohnen, hat keinen interessiert. Deshalb wird auch wahrscheinlich keiner dorthin fahren, um zu schauen, wie es dann ist. Wenn die Emscher erst einmal sauber sein wird.
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