25.12.14

Ostzone vs. Emscher

Dass Ost- und Westdeutschland einmal wieder zusammen kommen könnten, das war früher gar nicht vorstellbar. An der deutsch-deutschen Grenze war damals die Welt zu Ende. Wenn man von der Emscher einmal in so eine Gegend gelangte, wurde man durch Warntafeln auf das nun folgende Niemandsland aufmerksam gemacht. Hinter dem Niemandsland befand sich der berüchtigte Todesstreifen. Wer sich dorthin verirrte, riskierte sein Leben. Wer aus der DDR fliehen wollte, erst recht. Denn dort waren Selbstschußanlagen installiert.

Das ist nun schon lange Vergangenheit. In einem Museum in Berlin kann man sich inzwischen Exponate aus jener Zeit anschauen, die das Leben in der damaligen DDR beschreiben. Bei einem Besuch dieses Museums vor einigen Jahren schien ein Lipsi tanzender Erich Honneker die einzige Zumutung zu sein: Es sollte dort anscheinend nur das getanzt werden, was auch die älteren Machthaber der DDR noch in Schwung bringen konnte.

Vielleicht war das der Grund, warum man die DDR in Westdeutschland oft als Gerontokratie bezeichnete.

Wenn man sich die Ausstellung über die DDR vor einigen Jahren anschaute, dann konnte man zu dem Eindruck gelangen, dass doch in der DDR alles sehr gut gewesen zu sein schien: Kleiner Reichtum, auf alle gleich verteilt. Ganz im Sinne dessen, was man im ostdeutschen Fernsehen auch zu sehen bekam, wenn man einmal Gelegenheit dazu hatte.

In die DDR fuhr nur, wer dort nähere Verwandte hatte. Manchmal kamen auch solche Verwandte an die Emscher, wo es den Menschen auch nicht besonders gut ging. Doch was man von oder meistens über diese Besucher und ihre Versorgungssituation hörte, war Mitleid erregend. Bei diesem Personenkreis handelte es sich fast immer um ältere Menschen.

Jüngere kamen fast nie an die Emscher. Kein Wunder; denn wenn das da alles so gut war damals in der DDR, wie man es erst heute erfährt, dann wollten die da vielleicht gar nicht weg, sondern hatten einfach nur keine Zeit, weil sie ständig mit dem Aufbau ihres Sozialismus zugange waren, und die Mauer war dann vielleicht tatsächlich, so wie die DDR-Proganda es darstellte, ein antiimperialistischer Schutzwall, nur deswegen erbaut, damit die Menschen aus der Emscherregion sich nicht alle in dieses gelobte Land flüchteten, das davon vielleicht überlastet gewesen wäre. Allerdings wussten die Menschen an der Emscher bestimmt nichts von dieser Möglichkeit. Sie schickten ihren Verwandten in der DDR eifrig Pakete mit Grundnahrungsmitteln, Schokolade, Kaffee, Puddingpulver, getragener Kleidung und Waschpulver. Diese Güter durften nur in begrenztem Umfang und vorgegebener Zusammenstellung als Paket in die DDR geschickt werden. Doch die damaligen Emscherbewohner - vermutlich stellvertretend für ihre bundesdeutschen Zeitgenossen - fühlten sich dermaßen berufen, Ihre Verwandten zu unterstützen, dass die zulässige Anzahl der pro Jahr und pro Person geschickten Pakete von DDR-Seite begrenzt wurde.

Vielleicht war das ja so eine Art Gratwandlung der DDR-Führung und auch ein geschicktes Ablenkungsmanöver von der im Vergleich zur Bundesrepublik tollen Lage in der DDR: Einerseits wollte man die Emscheranwohner über die guten Bedingungen in dem anderen deutschen Staat im Unklaren lassen, ihnen andererseits aber auch nicht das Letzte wegnehmen, was sie selbst hatten. Das wäre doch ein gutes Zeichen für den "Demokratischen Sozialismus". Dafür, dass die armen DDR-Rentner bei ihrer Einreise in die Bundesrepublik von wohltätigen Organisationen mit Begrüßungsgeld und Kaffee, Bananen und Schokolade empfangen wurden, war diese aufrechte DDR-Regierung schließlich nicht verantwortlich.

Dass dieses leistungsfähige Regime seinerzeit als Unrechtssystem verkannt wurde, wird nun heute korrigiert. Ostalgie wird das Phänomen genannt, das anscheinend - nun so viele Jahre nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung - für Abwechslung in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft sorgt. Da kann man jetzt endlich auch in der Emscherregion sehen, wie toll es in der DDR eigentlich war. Und immer stärker werden auch jene Parteien, die verheißen, dass es wieder so werden könnte, wie damals vor der Wiedervereinigung in der DDR. Bundesweit.

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