19.12.14

Kartoffelfeuer

An der Emscher war nicht immer alles so bebaut wie heute. Wo heute teilweise schöne Ein- und Mehrfamilienhäuser der Geruchsbelästigung durch die Emscher trotzen, gab es früher auch leere Grundstücke, die erst nach und nach bebaut worden sind. Es gab viele Industrieflächen und auch Schrebergärten, und manche Grundstücke standen lange Zeit ganz ungenutzt leer und luden so das kreative Emscherkind zur Freizeitaktivität ein. Wildwuchernde Wiesen regten zu spontaner Gestaltung an, und ein an vielen Stellen zusammen hängendes Terrain ohne Wohnbebauung konnte von Indianern, Rittern, Piraten, Film- oder Serienhelden erobert und verteidigt werden; jedenfalls so lange, bis dort nach und nach die Fundamente für jene Gebäude ausgeschachtet wurden, die das Cluster zufälliger und ungewollter Abenteuerspielplätze im Verlauf vieler Jahre immer mehr durchbrachen. So wurde das freilaufende Emscherkind nach und nach zu einer bedrohten Spezies. Aus dem kindlichen Entdecker an der Emscher wurde vielleicht ein jugendlicher Eckensteher, günstigstenfalls ein Stammkunde für Pommesbuden oder einfach die als "Bude" bezeichneten Kioske, die oft noch spätabends geöffnet waren. Dabei soll natürlich keinesfalls unterschlagen werden, dass das Spielen an der Emscher durchaus als nicht ungefährlich galt. So hieß es, dass man mit ernsten Gesundheitsgefährdungen hätte rechnen müssen, wenn man beim Spiel in die Emscher geplumpst wäre. Absperrungen und Warnschilder waren in diesem Sinne eindeutig und sind es, soweit noch vorhanden, bis heute. Die Vorstellung, an der Emscher spazieren zu gehen, schien damals undenkbar.

Doch bevor die wilde Emschergegend zivilisatorisch erschlossen wurde, gab es dort einige Attraktionen, zum Beispiel das Kartoffelfeuer. Besonders im Herbst wurden auf einer von vielen Wohnhäusern umgebenen Wiese Feuer entfacht, zuerst eines, um das sich Kinder und Jugendliche versammelten, um an zugespitzten Zweigen aufgespießte Kartoffeln hineinzulegen, dann immer mehr, bis sich schließlich die Kinder des ganzen Straßenzuges dort versammelt hatten, um Kartoffeln zuzubereiten, die irgendwann pottschwarz dem Feuer wieder entnommen wurden. Alufolie war damals nicht verbreitet und stand für Events dieser Art sowieso nicht zur Verfügung. Getränke ebensowenig. Emscherkinder waren nicht verwöhnt, nach solch einer Attraktion aber noch viel schmutziger, als sie es sonst nach dem Spiel schon immer waren. Wenn sie nach so einem tollen Tag erschöpft in ihre Betten fielen, hatten sie, wie noch in den darauf folgenden Tagen, den Geruch des Feuers in den Haaren, der den Emschergeruch mal kurzzeitig überdeckte.

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