20.12.14

Post vom WDR

Damals an der Emscher, als die Sahnetorte noch so unerträglich nach Kühlschrank schmeckte, dass man sie kaum herunterbekam und es deshalb unmittelbar verständlich war, dass Dick und Doof sich damit am Freitagabend immer im öffentlich-rechtliche Fernsehen bewarfen, das nur zwei, selten auch drei Sender hatte und als viele Kinder nur insgesamt acht Jahre zur Schule gingen, da gab sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch viel Mühe mit seinen Hörern. Spätabends wurde einmal in der Woche eine halbe Stunde lang eine Geschichte für "Liebhaber fremdsprachiger Prosa" vorgelesen, in Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch. Am Samstag gab es Sprachkurse, die auch unmittelbar an der Emscher, also weitab von der Zivilisation, zu empfangen waren. Sie dauerten etwa eine Viertelstunde, wurden an einem Abend in der Woche wiederholt und turnusmäßig immer wieder ausgestrahlt. So konnte man Französisch, Spanisch und auch Niederländisch für Anfänger und Fortgeschrittene lernen. Das Lehrbuch konnte man beim WDR kostenlos anfordern. Auch als Kind konnte man es zugeschickt bekommen, und das war natürlich toll, wenn man auf einmal Post vom WDR bekam. So konnte man Familie und Verwandte schwer beeindrucken. Ein Brief kostete damals nur 25, später dann 30 Pfennige, und die hatte man als Kind meistens irgendwoher, oder man fand einen Erwachsenen, der einem eine Briefmarke gab. Allerdings war dieses vom Sender bereit gestellte Unterrichtsmaterial das einzige, worauf man dann zurück greifen konnte; denn audiovisuelle Kurse gab es damals noch nicht, und ein Mitschnitt der Hörfunksendungen war auch nicht möglich. Man konnte sie nur hören, wenn man das Glück hatte, ein Radio zu seiner Verfügung zu haben. Dafür brauchte man Batterien, die damals noch sehr teuer waren, besonders für ein Kind. So lernte man sehr schnell, das Radio immer nur ganz leise einzuschalten, um Batterien zu sparen. Ein ganz besonderer Trick bestand darin, die Batterien dadurch wieder aufzuladen, dass man sie auf das Fensterbrett über der Heizung legte. Dieser niemals vollkommen enträtselte Effekt funktionierte allerdings nur mit Radiobatterien.  Batterien für ferngesteuerte Autos oder Taschenlampen waren in diesem Sinne nicht wieder aufladbar.

Wenn man krank war und nicht zur Schule gehen konnte, dann konnte man den ganzen Morgen Schulfunksendungen hören, die damals sehr kindgerecht waren. Am Nachmittag gab es die Sendung "Write it down". Da konnte man ein Diktat schreiben und an den WDR schicken. Das bekam man dann zurück geschickt. Mit ganz vielen roten Hinweisen. Schon wieder Post vom WDR. Das war noch viel interessanter als die damals sehr beliebte Fernsehsendung mit "Kasper und René". So fühlte man sich wichtig genug, auch mit politischen Größen der damaligen Zeit in Briefkontakt zu treten.

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