Die Wohnungen an der Emscher werden sich in den letzten Jahrzehnten gar nicht so sehr verändert haben. Mag sein, dass bestimmte Unternehmer das anders sehen würden und auf zahlreiche erfolgreiche Wärmedämmungsmaßnahmen hinweisen. Natürlich hat es auch sonst Modernisierungsmaßnahmen gegeben. Doch die typische Wohnung an der Emscher hat wahrscheinlich, wie eh und je, mittlere Größe und Ausstattung und befindet sich in einem Mehrfamilienhaus.
Das Lebensgefühl hat sich geändert.
Es ist noch gar nicht so lange her, da blieb ein Zimmer der Wohnung meistens unbewohnt: das Wohnzimmer. Konservativ eingerichtet wartete es darauf, dem Besuch gezeigt zu werden, wenn dieser überraschend kam.
Da die wenigen anderen Räume einer Wohnung nur bedingt zum verweilen eingerichtet waren, verbrachten Kinder und Jugendliche ihre Freizeit häufig auf der Straße im Einzugsbereich einer Trinkhalle oder Pommes Bude. Erwachsene Familienmitglieder hielten sich vielleicht in der nächsten Wirtschaft auf.
Man unterhielt sich gern und viel und verbrachte viel Zeit in der Gesellschaft anderer, die man mehr oder weniger gut kannte. Es kam oft vor, dass man sich dann immer wieder dieselben Dinge erzählte: Erlebnisse und Ereignisse aus dem Alltag an der Emscher.
17.11.14
16.11.14
Der Traum vom schnellen Schreiben
Egal, ob das Emscherkind als erster oder letzter in den Genuss von Möglichkeiten zur Sprachaufzeichnung kam: Es gab eine Zeit, da war es etwas ganz besonderes, wenn man seine eigene Stimme schon einmal auf Tonband gehört hatte - und dann nur sehr kurz. Das war vor etwa 50 Jahren, wenn man in seiner Umgebung einen Trendsetter hatte - also jemand, der den Wunsch hatte, die neuesten technologischen Errungenschaften im Unterhaltungssektor sofort zu besitzen und auch die Mittel dazu.
Wenn also irgendwo Onkel und Tante sich so ein teures neues Gerät gekauft hatten und einen einmal seinen Namen aufs Band sprechen ließen, dann war das ein tolles Erlebnis.
Dasselbe lässt sich übrigens vom Farbfernsehen sagen. Nicht jeder hatte die Kinderstunde schon einmal in Farbe gesehen; denn dazu musste man jemand kennen, der sich schon einen Farbfernseher gekauft hatte. Natürlich konnte der dann nur das erste und zweite Fernsehprogramm empfangen, eventuell das dritte, wenn er eine besonders gute Antenne auf dem Dach hatte. Fernsehempfang nach 23 Uhr gab es vermutlich höchstens am Samstag oder vielleicht im Feiertagsprogramm. Vormittags und mittags gab es normalerweise kein Fernsehen, allerdings wurde der Übertragung von Bundestagsdebatten zu allen Tageszeiten Priorität eingeräumt. Und was sah man sonst, wenn man den Fernseher einschaltete? Ein Testbild der beiden großen Fernsehanstalten natürlich.
Vor etwa dreißig Jahren gab es erste und noch sehr teure Möglichkeiten, Fernsehprogramme aufzuzeichnen. Doch was bot sich da an? Die Seifenopern, die das öffentlich-rechtlich Fernsehen in zwei von einem Werbeblock getrennten Abschnitten sendete? Oder die uralten Kinder- oder Spielfilme aus den USA?
Radioprogrammeaufnehmen war auch schwierig, wenn man nicht einen Radiorecorder hatte. Kindern stand meist nicht einmal ein Radio zur Verfügung.
In jedem Fall war es teuer.
Selten also hatte man die Möglichkeit, etwas Interessantes mehrmals zu hören.
Wenn Wichtiges festgehalten werden sollte, war der schriftliche Weg oft der einzig mögliche und auf jeden Fall der preiswerteste.
Deswegen war es für ein Kind an der Emscher ein Ziel, möglichst schnell zu schreiben - ganz unabhängig von anderen, möglicherweise aufoktroyierten Anforderungen, wie besonders schön oder besonders richtig zu schreiben.
Eine Schnellschrift zu lernen, war daher ein Traum für Emscherkinder. Viele Menschen beherrschten auch die Stenografie, die in allen Büros und bei Gericht zum Einsatz kam. Dort wurde Wichtiges dann tatsächlich aufgezeichnet und so oft mir der Schreibmaschine übertragen, bis es fehlerfrei war. Denn was man einmal getippt hatte, ließ sich nachträglich nicht mehr korrigieren.
Zum Erlernen der Schnellschrift war damals wie heute viel Zeit erforderlich, die man nicht dadurch wieder zurück gewinnt, dass sich in Schnellschrift geschriebene Texte auch schneller lesen lassen.
Wenn also irgendwo Onkel und Tante sich so ein teures neues Gerät gekauft hatten und einen einmal seinen Namen aufs Band sprechen ließen, dann war das ein tolles Erlebnis.
Dasselbe lässt sich übrigens vom Farbfernsehen sagen. Nicht jeder hatte die Kinderstunde schon einmal in Farbe gesehen; denn dazu musste man jemand kennen, der sich schon einen Farbfernseher gekauft hatte. Natürlich konnte der dann nur das erste und zweite Fernsehprogramm empfangen, eventuell das dritte, wenn er eine besonders gute Antenne auf dem Dach hatte. Fernsehempfang nach 23 Uhr gab es vermutlich höchstens am Samstag oder vielleicht im Feiertagsprogramm. Vormittags und mittags gab es normalerweise kein Fernsehen, allerdings wurde der Übertragung von Bundestagsdebatten zu allen Tageszeiten Priorität eingeräumt. Und was sah man sonst, wenn man den Fernseher einschaltete? Ein Testbild der beiden großen Fernsehanstalten natürlich.
Vor etwa dreißig Jahren gab es erste und noch sehr teure Möglichkeiten, Fernsehprogramme aufzuzeichnen. Doch was bot sich da an? Die Seifenopern, die das öffentlich-rechtlich Fernsehen in zwei von einem Werbeblock getrennten Abschnitten sendete? Oder die uralten Kinder- oder Spielfilme aus den USA?
Radioprogrammeaufnehmen war auch schwierig, wenn man nicht einen Radiorecorder hatte. Kindern stand meist nicht einmal ein Radio zur Verfügung.
In jedem Fall war es teuer.
Selten also hatte man die Möglichkeit, etwas Interessantes mehrmals zu hören.
Wenn Wichtiges festgehalten werden sollte, war der schriftliche Weg oft der einzig mögliche und auf jeden Fall der preiswerteste.
Deswegen war es für ein Kind an der Emscher ein Ziel, möglichst schnell zu schreiben - ganz unabhängig von anderen, möglicherweise aufoktroyierten Anforderungen, wie besonders schön oder besonders richtig zu schreiben.
Eine Schnellschrift zu lernen, war daher ein Traum für Emscherkinder. Viele Menschen beherrschten auch die Stenografie, die in allen Büros und bei Gericht zum Einsatz kam. Dort wurde Wichtiges dann tatsächlich aufgezeichnet und so oft mir der Schreibmaschine übertragen, bis es fehlerfrei war. Denn was man einmal getippt hatte, ließ sich nachträglich nicht mehr korrigieren.
Zum Erlernen der Schnellschrift war damals wie heute viel Zeit erforderlich, die man nicht dadurch wieder zurück gewinnt, dass sich in Schnellschrift geschriebene Texte auch schneller lesen lassen.
8.11.14
Schule an der Emscher
Die nächsten Schulen waren weit von der Emscher entfernt, so weit wie der Wochenmarkt, manche auch weiter. Es gab eine Hauptschule, eine Realschule und ein Gymnasium. Die meisten Kinder fingen nach der Grundschule auf dem Gymnasium an. Später besuchten die Kinder von der Emscher die drei Schultypen zu etwa gleichen Teilen und sahen sich manchmal in ihrer Freizeit.
Kinder aus dem Ausland gab es bald schon viel mehr an der Emscher. Ihre Zahl wuchs in wenigen Jahren stark an. An den Freizeitaktivitäten der anderen Jugendlichen nahmen sie nicht Teil. Aus der Schule kannte man sie nicht. Sie gingen in eine spezielle Klasse. Dort waren Kinder aus vielen Nationen in einer Klasse - aus der Türkei, aus Griechenland, aus Polen. Sie sprachen oft sehr wenig Deutsch und konnten sich nur mit ihren Mitschülern unterhalten, wenn sie dieselbe Muttersprache hatten. Der speziell für sie eingerichtete Unterricht fand auf Deutsch im Gebäude der Hauptschule statt.
Jüngere Kinder besuchten ganz normal die Grundschule. Ein Kind ging schon zum dritten Mal in die erste Klasse. Sein Vater war Bergmann auf einer Zeche. Immer, wenn nach den Ferien die Schule wieder begann, packte die Familie ihre fünf Kinder in ihren Kleinbus und machte einen Monat Urlaub zu Hause in der Türkei. Wenn sie wieder aus der Türkei zurück kamen, hatte der Kleine schon so viel verpasst, dass er am Ende des Schuljahres sitzen blieb.
Es zogen viele Menschen aus dem Ausland an die Emscher. Integration war kein Thema. Niemand schien sich dafür zu interessieren.
Kinder aus dem Ausland gab es bald schon viel mehr an der Emscher. Ihre Zahl wuchs in wenigen Jahren stark an. An den Freizeitaktivitäten der anderen Jugendlichen nahmen sie nicht Teil. Aus der Schule kannte man sie nicht. Sie gingen in eine spezielle Klasse. Dort waren Kinder aus vielen Nationen in einer Klasse - aus der Türkei, aus Griechenland, aus Polen. Sie sprachen oft sehr wenig Deutsch und konnten sich nur mit ihren Mitschülern unterhalten, wenn sie dieselbe Muttersprache hatten. Der speziell für sie eingerichtete Unterricht fand auf Deutsch im Gebäude der Hauptschule statt.
Jüngere Kinder besuchten ganz normal die Grundschule. Ein Kind ging schon zum dritten Mal in die erste Klasse. Sein Vater war Bergmann auf einer Zeche. Immer, wenn nach den Ferien die Schule wieder begann, packte die Familie ihre fünf Kinder in ihren Kleinbus und machte einen Monat Urlaub zu Hause in der Türkei. Wenn sie wieder aus der Türkei zurück kamen, hatte der Kleine schon so viel verpasst, dass er am Ende des Schuljahres sitzen blieb.
Es zogen viele Menschen aus dem Ausland an die Emscher. Integration war kein Thema. Niemand schien sich dafür zu interessieren.
7.11.14
Das erste Kind aus der Türkei
Als das erste türkische Kind in die Klasse kam, waren wir im zweiten Schuljahr. Das war ein stiller Junge. Er hieß Metin. So wurde er uns vorgestellt. Metin aus der Türkei. Wir konnten kein einziges Wort mit ihm reden und die Lehrerin auch nicht. Er sprach nämlich kein Deutsch.
Genügsam setzte er sich dorthin, wohin er platziert wurde. Er nahm einen Bleistift und ein Heft aus seiner Schultasche und begann, Schwungübungen in sein Heft zu malen, wie wir das vor wenigen Monaten auch getan hatten, als wir noch im ersten Schuljahr gewesen waren. Doch daran dachten wir nicht. Uns erschien es, als schriebe Metin in einer fremden Schrift. Fragen konnten wir ihn nicht, und er kam ins zweite Schuljahr und war auch ziemlich groß. Deshalb setzten wir voraus, dass er so gut schreiben konnte wie wir, und daraus schlossen wir, dass er eine andere Schrift haben musste.
Unsere Oma meinte das auch. In der Türkei würde nicht in lateinischen Buchstaben geschrieben. Oma konnte selbst die lateinische Druckschrift lesen, aber nur Sütterlin schreiben. Sie war sich da ganz sicher: In der Türkei schrieb man nicht wie bei uns.
Die Lehrerin sagte nichts. Sie sagte gar nichts zu dem Neuen. Mehrere Tage kam der freundliche Junge in unsere Klasse und machte demutsvoll seine Schwungübungen an seinem Tisch in der letzten Reihe.
Eine Woche später kam er nicht mehr. Die Lehrerin sagte nichts dazu.
Genügsam setzte er sich dorthin, wohin er platziert wurde. Er nahm einen Bleistift und ein Heft aus seiner Schultasche und begann, Schwungübungen in sein Heft zu malen, wie wir das vor wenigen Monaten auch getan hatten, als wir noch im ersten Schuljahr gewesen waren. Doch daran dachten wir nicht. Uns erschien es, als schriebe Metin in einer fremden Schrift. Fragen konnten wir ihn nicht, und er kam ins zweite Schuljahr und war auch ziemlich groß. Deshalb setzten wir voraus, dass er so gut schreiben konnte wie wir, und daraus schlossen wir, dass er eine andere Schrift haben musste.
Unsere Oma meinte das auch. In der Türkei würde nicht in lateinischen Buchstaben geschrieben. Oma konnte selbst die lateinische Druckschrift lesen, aber nur Sütterlin schreiben. Sie war sich da ganz sicher: In der Türkei schrieb man nicht wie bei uns.
Die Lehrerin sagte nichts. Sie sagte gar nichts zu dem Neuen. Mehrere Tage kam der freundliche Junge in unsere Klasse und machte demutsvoll seine Schwungübungen an seinem Tisch in der letzten Reihe.
Eine Woche später kam er nicht mehr. Die Lehrerin sagte nichts dazu.
5.11.14
Instantpudding aus Holland - Emscherkulinarik fortschrittlich
Kann man sich heute noch ein Leben ohne Fertigprodukte vorstellen? Längst haben an der Emscher, wie überall in Deutschland, Supermärkte ihr Domizil. Sie bieten seitdem eine sich ständig erweiternde Palette von Produkten für die Schnellküche an, zunächst sehr teuer, dann als preisgünstige Noname-Marken.
Wahrscheinlich konnte man diese Sachen immer schon irgendwo an der Emscher kaufen, seit sie erfunden worden sind. Die Emschertradition ist eine andere: Der Emscherbewohner versorgte sich schon immer gerne im Rahmen einer größeren Reise mit diesen Segnungen.
Er brachte sich Tee, Kaffee, Instantpuddingpulver und Babypuder von seinem Urlaub in Holland mit. Wenn die Vorräte aufgebraucht waren, war wieder ein Tagesausflug fällig, aber irgendwie nicht so einer wie heute, wo man mal eben mit dem öffentlichen Nahverkehr ins Nachbarland fährt. Es wurde ein ganzer Tag eingeplant. Eltern, Kinder, Großeltern, Oma und Opa, vielleicht auch liebe Nachbarn, quetschten sich in den PKW und unternahmen eine unbequeme Reise, die nur am Rastplatz der Autobahn unterbrochen wurde, um Tee aus der Thermosflasche, Leberwurstbrötchen und hartgekochte Eier zu genießen. Schokolade war damals noch eine Rarität, die auch erst in Holland eingekauft werden musste. Deshalb war man schließlich unterwegs.
Nach der Rast ging es dann weiter zu einem von schätzungsweise vier Grenzübergängen, die nur wenige Stunden am Tag geöffnet waren. Wenn man selbst unterwegs war, waren es auch viele andere. Das konnte also dauern. Doch wenn man am Tag der Einkaufsreise die Grenze auch wieder in Richtung Heimat passieren konnte, dann war man schon froh.
Erschöpft ließ man sich abends in die Kissen fallen und träumte von dem, was man so eben erreicht hatte. Am nächsten Tag, der oft ein Sonntag war, konnte man dann ein Schälchen Instantpudding auf den gelungenen Einkauf genießen.
Ein bisschen von dieser Tradition ist geblieben. An den Feiertagen sind die Autobahnen Richtung Niederlande auch heute noch genauso aufgestaut wie an jedem Werktag.
Wahrscheinlich konnte man diese Sachen immer schon irgendwo an der Emscher kaufen, seit sie erfunden worden sind. Die Emschertradition ist eine andere: Der Emscherbewohner versorgte sich schon immer gerne im Rahmen einer größeren Reise mit diesen Segnungen.
Er brachte sich Tee, Kaffee, Instantpuddingpulver und Babypuder von seinem Urlaub in Holland mit. Wenn die Vorräte aufgebraucht waren, war wieder ein Tagesausflug fällig, aber irgendwie nicht so einer wie heute, wo man mal eben mit dem öffentlichen Nahverkehr ins Nachbarland fährt. Es wurde ein ganzer Tag eingeplant. Eltern, Kinder, Großeltern, Oma und Opa, vielleicht auch liebe Nachbarn, quetschten sich in den PKW und unternahmen eine unbequeme Reise, die nur am Rastplatz der Autobahn unterbrochen wurde, um Tee aus der Thermosflasche, Leberwurstbrötchen und hartgekochte Eier zu genießen. Schokolade war damals noch eine Rarität, die auch erst in Holland eingekauft werden musste. Deshalb war man schließlich unterwegs.
Nach der Rast ging es dann weiter zu einem von schätzungsweise vier Grenzübergängen, die nur wenige Stunden am Tag geöffnet waren. Wenn man selbst unterwegs war, waren es auch viele andere. Das konnte also dauern. Doch wenn man am Tag der Einkaufsreise die Grenze auch wieder in Richtung Heimat passieren konnte, dann war man schon froh.
Erschöpft ließ man sich abends in die Kissen fallen und träumte von dem, was man so eben erreicht hatte. Am nächsten Tag, der oft ein Sonntag war, konnte man dann ein Schälchen Instantpudding auf den gelungenen Einkauf genießen.
Ein bisschen von dieser Tradition ist geblieben. An den Feiertagen sind die Autobahnen Richtung Niederlande auch heute noch genauso aufgestaut wie an jedem Werktag.
4.11.14
Mehr oder weniger doll - Emscherkulinarik
Vielleicht hat jemand konkrete Vorstellungen davon, wie es an der Emscher roch und deshalb nie danach gefragt. Die Antwort wäre auch nicht erwähnenswert. Es roch. Mal doller und mal weniger doll, aber immer auf eine unbeschreibliche Art. Es roch nach Schwefel, Altöl und anderem.
So roch nur die Emscher.
Der Gestank zog in die Wohnung, selbst durch das geschlossene Fenster. Wer es sich leisten konnte, fuhr am Wochenende aufs Land. Wer seine Heimat in den umliegenden Naherholungsgebieten hatte, fuhr nach Hause. Oder auf einen Campingplatz. Wer dem Geruch entfliehen konnte, tat es.
Doch es gab Schrebergärten am Emscherufer und Gärten, die zu Ein- und Mehrfamilienhäusern gehörten. Dort saßen bei Sonnenschein Menschen in geselliger Runde beisammen und klönten. Da trank man dann warme Getränke aus einer Thermosflasche oder kalte Getränke aus dem Kasten, den ein Heimdienst vorbeigebracht hatte.
Das war einige Jahre vor der Erfindung der Kaffemaschine.
Kuchen wurde oft selbst gebacken; denn in den wenigen Bäckereien, die es an der Emscher gab, musste man am Wochenende sehr lange Schlange stehen, um an den ersehnten Kuchen zu kommen. Dahin ging man also nur, wenn an einem der vom Emschernebel verhangenen Tage ohne Freizeitvergnügen plötzlich Besuch kam. Dann ging man zehn Minuten durch dichten riechenden Nebel zur nächsten Bäckerei, die sonntags um zwei öffnete. Am besten ging man schon um eins, direkt nach dem Mittagessen. Dann musste man zwar auch lange warten, aber die fünf Stücke Bienenstich, die man für eine gewisse Vielfalt der Kaffetafel brauchte und die es zu jeder Saison gab, waren oft noch nicht ausverkauft, wenn man endlich an die Reihe kam.
Wenn man es plante, konnte man selbst backen und die Zutaten dafür in dem einzigen Tante-Emma-Laden des Stadtteils kaufen. Er gehörte einer Kooperative an und verkaufte Grundnahrungsmittel und Obst und Gemüse der Saison zu unvorstellbaren Preisen. Ganz Vorausschauende konnten für das Backvergnügen auch auf dem Wochenmarkt einkaufen. Er fand zweimal wöchentlich statt, zwei Kilometer vom Emscherufer entfernt.
Mit dem Erstandenen konnte gebacken werden: Apfelkuchen oder Pflaumenkuchen waren die Renner, je nach Saison. Im Winter gab es Rodonkuchen, Quarkkuchen oder - bei besonderen Anlässen - Käsesahnetorte.
Sahne zum Trockenkuchen holte man sich gerne in der Eisdiele. Da konnte man sich auch an der einzigen Pommesbude weit und breit eine Portion Pommes holen. Die erste Pizzeria kam erst Jahre später.
Was die Leute an der Emscher so gegessen haben? Reibekuchen mit Apfelmus, Pfannekuchen, Leber mit Kartoffelpüree und Zwiebeln, Sauerkraut, Kohlgerichte und Frikadellen waren typische Gerichte. Freitags gab es bei den meisten Fisch, samstags Erbsensuppe, sonntags Braten oder Rouladen. Sehr beliebt als Sonntagsgerichte waren "Falscher Hase", ein mit Eiern gefüllter Hackbraten, und "Falsches Kotelett", also panierte und gebratene Bauchfleischscheiben.
Schnitzel, Gulasch und Backhendl genossen die Leute in den wenigen Restaurants, die es an der Emscher gab. Das Trendgericht für Parties war Nudeln mit Hackfleischsoße - nicht immer mit Tomatenmark, das man nur selten kaufen konnte.
Nach welchem Essen es auch duftete, die Emscher roch man immer. Mehr oder weniger doll.
So roch nur die Emscher.
Der Gestank zog in die Wohnung, selbst durch das geschlossene Fenster. Wer es sich leisten konnte, fuhr am Wochenende aufs Land. Wer seine Heimat in den umliegenden Naherholungsgebieten hatte, fuhr nach Hause. Oder auf einen Campingplatz. Wer dem Geruch entfliehen konnte, tat es.
Doch es gab Schrebergärten am Emscherufer und Gärten, die zu Ein- und Mehrfamilienhäusern gehörten. Dort saßen bei Sonnenschein Menschen in geselliger Runde beisammen und klönten. Da trank man dann warme Getränke aus einer Thermosflasche oder kalte Getränke aus dem Kasten, den ein Heimdienst vorbeigebracht hatte.
Das war einige Jahre vor der Erfindung der Kaffemaschine.
Kuchen wurde oft selbst gebacken; denn in den wenigen Bäckereien, die es an der Emscher gab, musste man am Wochenende sehr lange Schlange stehen, um an den ersehnten Kuchen zu kommen. Dahin ging man also nur, wenn an einem der vom Emschernebel verhangenen Tage ohne Freizeitvergnügen plötzlich Besuch kam. Dann ging man zehn Minuten durch dichten riechenden Nebel zur nächsten Bäckerei, die sonntags um zwei öffnete. Am besten ging man schon um eins, direkt nach dem Mittagessen. Dann musste man zwar auch lange warten, aber die fünf Stücke Bienenstich, die man für eine gewisse Vielfalt der Kaffetafel brauchte und die es zu jeder Saison gab, waren oft noch nicht ausverkauft, wenn man endlich an die Reihe kam.
Wenn man es plante, konnte man selbst backen und die Zutaten dafür in dem einzigen Tante-Emma-Laden des Stadtteils kaufen. Er gehörte einer Kooperative an und verkaufte Grundnahrungsmittel und Obst und Gemüse der Saison zu unvorstellbaren Preisen. Ganz Vorausschauende konnten für das Backvergnügen auch auf dem Wochenmarkt einkaufen. Er fand zweimal wöchentlich statt, zwei Kilometer vom Emscherufer entfernt.
Mit dem Erstandenen konnte gebacken werden: Apfelkuchen oder Pflaumenkuchen waren die Renner, je nach Saison. Im Winter gab es Rodonkuchen, Quarkkuchen oder - bei besonderen Anlässen - Käsesahnetorte.
Sahne zum Trockenkuchen holte man sich gerne in der Eisdiele. Da konnte man sich auch an der einzigen Pommesbude weit und breit eine Portion Pommes holen. Die erste Pizzeria kam erst Jahre später.
Was die Leute an der Emscher so gegessen haben? Reibekuchen mit Apfelmus, Pfannekuchen, Leber mit Kartoffelpüree und Zwiebeln, Sauerkraut, Kohlgerichte und Frikadellen waren typische Gerichte. Freitags gab es bei den meisten Fisch, samstags Erbsensuppe, sonntags Braten oder Rouladen. Sehr beliebt als Sonntagsgerichte waren "Falscher Hase", ein mit Eiern gefüllter Hackbraten, und "Falsches Kotelett", also panierte und gebratene Bauchfleischscheiben.
Schnitzel, Gulasch und Backhendl genossen die Leute in den wenigen Restaurants, die es an der Emscher gab. Das Trendgericht für Parties war Nudeln mit Hackfleischsoße - nicht immer mit Tomatenmark, das man nur selten kaufen konnte.
Nach welchem Essen es auch duftete, die Emscher roch man immer. Mehr oder weniger doll.
3.11.14
Ein Emschergedicht
An der Emscher und so weiter
Die Stadt an der Emscher steht selten im Starblatt.
Am grünlichen Gewässer der Güterhafen -
mit Schrebergärten garniert, denen verschlafen
ein Baustellenkran winkt - gehört zur Nachbarstadt.
Das kümmert die Möwen nicht. Sie nutzen als Watt
Schmuddelpfützen, die rötliche Sonne trafen,
wo sie sich zeigte. Wollte sie bestrafen
den Namen der Stadt? Wer hier einen Schrottplatz hat?
Der Abend vergießt hier sein Rot nicht auf Orten
sondern grauen Straßen und Industriebrachen,
Schrottplätzen, Zechen und Türmen, Fabrikpforten.
Herne ist mittendrin nicht leicht auszumachen.
Straßen und Städte entsprechen sich in Worten.
So kann man hier schlafen und anderswo wachen.
Dieses Gedicht hat die Zeitschrift Unicum vor vielen Jahren einmal unter einem Pseudonym von mir abgedruckt. Ich habe mich darüber sehr gefreut.
Ich beschäftigte mich damals weniger als heute mit Literatur und hielt mein Gedicht für expressionistisch.
Die Stadt an der Emscher steht selten im Starblatt.
Am grünlichen Gewässer der Güterhafen -
mit Schrebergärten garniert, denen verschlafen
ein Baustellenkran winkt - gehört zur Nachbarstadt.
Das kümmert die Möwen nicht. Sie nutzen als Watt
Schmuddelpfützen, die rötliche Sonne trafen,
wo sie sich zeigte. Wollte sie bestrafen
den Namen der Stadt? Wer hier einen Schrottplatz hat?
Der Abend vergießt hier sein Rot nicht auf Orten
sondern grauen Straßen und Industriebrachen,
Schrottplätzen, Zechen und Türmen, Fabrikpforten.
Herne ist mittendrin nicht leicht auszumachen.
Straßen und Städte entsprechen sich in Worten.
So kann man hier schlafen und anderswo wachen.
Dieses Gedicht hat die Zeitschrift Unicum vor vielen Jahren einmal unter einem Pseudonym von mir abgedruckt. Ich habe mich darüber sehr gefreut.
Ich beschäftigte mich damals weniger als heute mit Literatur und hielt mein Gedicht für expressionistisch.
2.11.14
Die Emscher - Fluss der Superlative
Wer jemals stolz von sich gegeben hat, mit Emscherwasser getauft worden zu sein, hat daraufhin sofort immer eines gehört: "Der dreckigste Fluss Deutschlands." Ok - vielleicht nicht immer nur eines. Vielleicht auch noch: "Der schmutzigste Fluss Deutschlands." Doch der Superlativ bezog sich immer auf den immensen Grad der Umweltzerstörung, den dieser kleine Fluss erlitten hat.
Die Emscher - so klein und so entlegen sie auch sein mag - ist nicht etwa ein Nebenfluss der Ruhr. Das glauben zwar auch viele ihrer Anwohner, aber sie ist ein Nebenfluss des Rheines. Warum wird das wohl verschwiegen?
"Warum ist es am Rhein so schön?" stimmt hier nicht. Und auch, dass die Emscher sauberer geworden sei, lässt sich bisher nicht so einfach bestätigen. Es gibt mindestens eine Stelle im Verlauf der Emscher, da stinkt sie in ihrem künstlichen Flussbett genauso abscheulich vor sich hin, wie sie es seit jeher tun muss, um dem parallel dazu verlaufenden Rhein-Herne-Kanal mehr Ansehen zu verleihen. Er wurde völlig künstlich angelegt und ist inzwischen zu einem Naherholungsgebiet mit industrieller Tradition herangereift.
Anscheinend holt die Emscher aber auf. Langsam nur. Viele werden ihre Renaturierung vielleicht gar nicht mehr miterleben. Es wäre schön, die Emscher einmal sauber zu sehen. Sie würde damit zu einem Symbol dafür, dass wiederhergestellt werden kann, was einmal von Menschenhand zerstört wurde.
Keine Ahnung, wie lange sie dafür noch brauchen werden. Irgendwann wird es Freude machen, an der Emscher entlang spazieren zu gehen. Sie wird dann nicht mehr bestialisch vor sich hin stinken, das Wasser wird nicht mehr von Fäkalien braun oder von Schlachtabfällen rot gefärbt sein. Die Emscher wird dann unser Leben verschönern und deswegen ihrerseits Ansehen erlangen. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Sie hat ja vor langer Zeit ein künstliches Flussbett erhalten. Damals haben irgendwelche Menschen in die Natur eingegriffen, um einen natürlichen Fluss zum Abwasserkanal zu degradieren. Spätere Generationen wollten das nicht und versuchen seitdem, die Natur so gut es geht wieder herzustellen.
Es wird also eine neue, andere Emscher geben. Eine saubere Emscher in neuer Form. Der einstmals dreckigste Fluss Deutschlands wird gereinigt. Das hat auch einen gewissen Symbolwert.
Turistenbusse sollten anreisen und schauen, wie das aussieht: Die Emscher einst und jetzt. Doch das wird nicht passieren. Denn nach der Bemerkung: "Der dreckigste Fluss..." war das Gespräch immer gleicht zu Ende. Was das für die Anwohner für Auswirkungen hat, wie das ist, an so einem Fluss zu wohnen, hat keinen interessiert. Deshalb wird auch wahrscheinlich keiner dorthin fahren, um zu schauen, wie es dann ist. Wenn die Emscher erst einmal sauber sein wird.
Die Emscher - so klein und so entlegen sie auch sein mag - ist nicht etwa ein Nebenfluss der Ruhr. Das glauben zwar auch viele ihrer Anwohner, aber sie ist ein Nebenfluss des Rheines. Warum wird das wohl verschwiegen?
"Warum ist es am Rhein so schön?" stimmt hier nicht. Und auch, dass die Emscher sauberer geworden sei, lässt sich bisher nicht so einfach bestätigen. Es gibt mindestens eine Stelle im Verlauf der Emscher, da stinkt sie in ihrem künstlichen Flussbett genauso abscheulich vor sich hin, wie sie es seit jeher tun muss, um dem parallel dazu verlaufenden Rhein-Herne-Kanal mehr Ansehen zu verleihen. Er wurde völlig künstlich angelegt und ist inzwischen zu einem Naherholungsgebiet mit industrieller Tradition herangereift.
Anscheinend holt die Emscher aber auf. Langsam nur. Viele werden ihre Renaturierung vielleicht gar nicht mehr miterleben. Es wäre schön, die Emscher einmal sauber zu sehen. Sie würde damit zu einem Symbol dafür, dass wiederhergestellt werden kann, was einmal von Menschenhand zerstört wurde.
Keine Ahnung, wie lange sie dafür noch brauchen werden. Irgendwann wird es Freude machen, an der Emscher entlang spazieren zu gehen. Sie wird dann nicht mehr bestialisch vor sich hin stinken, das Wasser wird nicht mehr von Fäkalien braun oder von Schlachtabfällen rot gefärbt sein. Die Emscher wird dann unser Leben verschönern und deswegen ihrerseits Ansehen erlangen. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Sie hat ja vor langer Zeit ein künstliches Flussbett erhalten. Damals haben irgendwelche Menschen in die Natur eingegriffen, um einen natürlichen Fluss zum Abwasserkanal zu degradieren. Spätere Generationen wollten das nicht und versuchen seitdem, die Natur so gut es geht wieder herzustellen.
Es wird also eine neue, andere Emscher geben. Eine saubere Emscher in neuer Form. Der einstmals dreckigste Fluss Deutschlands wird gereinigt. Das hat auch einen gewissen Symbolwert.
Turistenbusse sollten anreisen und schauen, wie das aussieht: Die Emscher einst und jetzt. Doch das wird nicht passieren. Denn nach der Bemerkung: "Der dreckigste Fluss..." war das Gespräch immer gleicht zu Ende. Was das für die Anwohner für Auswirkungen hat, wie das ist, an so einem Fluss zu wohnen, hat keinen interessiert. Deshalb wird auch wahrscheinlich keiner dorthin fahren, um zu schauen, wie es dann ist. Wenn die Emscher erst einmal sauber sein wird.
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