7.11.14

Das erste Kind aus der Türkei

Als das erste türkische Kind in die Klasse kam, waren wir im zweiten Schuljahr. Das war ein stiller Junge. Er hieß Metin. So wurde er uns vorgestellt. Metin aus der Türkei. Wir konnten kein einziges Wort mit ihm reden und die Lehrerin auch nicht. Er sprach nämlich kein Deutsch.

Genügsam setzte er sich dorthin, wohin er platziert wurde. Er nahm einen Bleistift und ein Heft aus seiner Schultasche und begann, Schwungübungen in sein Heft zu malen, wie wir das vor wenigen Monaten auch getan hatten, als wir noch im ersten Schuljahr gewesen waren. Doch daran dachten wir nicht. Uns erschien es, als schriebe Metin in einer fremden Schrift. Fragen konnten wir ihn nicht, und er kam ins zweite Schuljahr und war auch ziemlich groß. Deshalb setzten wir voraus, dass er so gut schreiben konnte wie wir, und daraus schlossen wir, dass er eine andere Schrift haben musste.

Unsere Oma meinte das auch. In der Türkei würde nicht in lateinischen Buchstaben geschrieben. Oma konnte selbst die lateinische Druckschrift lesen, aber nur Sütterlin schreiben. Sie war sich da ganz sicher: In der Türkei schrieb man nicht wie bei uns.

Die Lehrerin sagte nichts. Sie sagte gar nichts zu dem Neuen. Mehrere Tage kam der freundliche Junge in unsere Klasse und machte demutsvoll seine Schwungübungen an seinem Tisch in der letzten Reihe.

Eine Woche später kam er nicht mehr. Die Lehrerin sagte nichts dazu.

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