Vielleicht hat jemand konkrete Vorstellungen davon, wie es an der Emscher roch und deshalb nie danach gefragt. Die Antwort wäre auch nicht erwähnenswert. Es roch. Mal doller und mal weniger doll, aber immer auf eine unbeschreibliche Art. Es roch nach Schwefel, Altöl und anderem.
So roch nur die Emscher.
Der Gestank zog in die Wohnung, selbst durch das geschlossene Fenster. Wer es sich leisten konnte, fuhr am Wochenende aufs Land. Wer seine Heimat in den umliegenden Naherholungsgebieten hatte, fuhr nach Hause. Oder auf einen Campingplatz. Wer dem Geruch entfliehen konnte, tat es.
Doch es gab Schrebergärten am Emscherufer und Gärten, die zu Ein- und Mehrfamilienhäusern gehörten. Dort saßen bei Sonnenschein Menschen in geselliger Runde beisammen und klönten. Da trank man dann warme Getränke aus einer Thermosflasche oder kalte Getränke aus dem Kasten, den ein Heimdienst vorbeigebracht hatte.
Das war einige Jahre vor der Erfindung der Kaffemaschine.
Kuchen wurde oft selbst gebacken; denn in den wenigen Bäckereien, die es an der Emscher gab, musste man am Wochenende sehr lange Schlange stehen, um an den ersehnten Kuchen zu kommen. Dahin ging man also nur, wenn an einem der vom Emschernebel verhangenen Tage ohne Freizeitvergnügen plötzlich Besuch kam. Dann ging man zehn Minuten durch dichten riechenden Nebel zur nächsten Bäckerei, die sonntags um zwei öffnete. Am besten ging man schon um eins, direkt nach dem Mittagessen. Dann musste man zwar auch lange warten, aber die fünf Stücke Bienenstich, die man für eine gewisse Vielfalt der Kaffetafel brauchte und die es zu jeder Saison gab, waren oft noch nicht ausverkauft, wenn man endlich an die Reihe kam.
Wenn man es plante, konnte man selbst backen und die Zutaten dafür in dem einzigen Tante-Emma-Laden des Stadtteils kaufen. Er gehörte einer Kooperative an und verkaufte Grundnahrungsmittel und Obst und Gemüse der Saison zu unvorstellbaren Preisen. Ganz Vorausschauende konnten für das Backvergnügen auch auf dem Wochenmarkt einkaufen. Er fand zweimal wöchentlich statt, zwei Kilometer vom Emscherufer entfernt.
Mit dem Erstandenen konnte gebacken werden: Apfelkuchen oder Pflaumenkuchen waren die Renner, je nach Saison. Im Winter gab es Rodonkuchen, Quarkkuchen oder - bei besonderen Anlässen - Käsesahnetorte.
Sahne zum Trockenkuchen holte man sich gerne in der Eisdiele. Da konnte man sich auch an der einzigen Pommesbude weit und breit eine Portion Pommes holen. Die erste Pizzeria kam erst Jahre später.
Was die Leute an der Emscher so gegessen haben? Reibekuchen mit Apfelmus, Pfannekuchen, Leber mit Kartoffelpüree und Zwiebeln, Sauerkraut, Kohlgerichte und Frikadellen waren typische Gerichte. Freitags gab es bei den meisten Fisch, samstags Erbsensuppe, sonntags Braten oder Rouladen. Sehr beliebt als Sonntagsgerichte waren "Falscher Hase", ein mit Eiern gefüllter Hackbraten, und "Falsches Kotelett", also panierte und gebratene Bauchfleischscheiben.
Schnitzel, Gulasch und Backhendl genossen die Leute in den wenigen Restaurants, die es an der Emscher gab. Das Trendgericht für Parties war Nudeln mit Hackfleischsoße - nicht immer mit Tomatenmark, das man nur selten kaufen konnte.
Nach welchem Essen es auch duftete, die Emscher roch man immer. Mehr oder weniger doll.
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