16.11.14

Der Traum vom schnellen Schreiben

Egal, ob das Emscherkind als erster oder letzter in den Genuss von Möglichkeiten zur Sprachaufzeichnung kam: Es gab eine Zeit, da war es etwas ganz besonderes, wenn man seine eigene Stimme schon einmal auf Tonband gehört hatte - und dann nur sehr kurz. Das war vor etwa 50 Jahren, wenn man in seiner Umgebung einen Trendsetter hatte - also jemand, der den Wunsch hatte, die neuesten technologischen Errungenschaften im Unterhaltungssektor sofort zu besitzen und auch die Mittel dazu.

Wenn also irgendwo Onkel und Tante sich so ein teures neues Gerät gekauft hatten und einen einmal seinen Namen aufs Band sprechen ließen, dann war das ein tolles Erlebnis.

Dasselbe lässt sich übrigens vom Farbfernsehen sagen. Nicht jeder hatte die Kinderstunde schon einmal in Farbe gesehen; denn dazu musste man jemand kennen, der sich schon einen Farbfernseher gekauft hatte. Natürlich konnte der dann nur das erste und zweite Fernsehprogramm empfangen, eventuell das dritte, wenn er eine besonders gute Antenne auf dem Dach hatte. Fernsehempfang nach 23 Uhr gab es vermutlich höchstens am Samstag oder vielleicht im Feiertagsprogramm. Vormittags und mittags gab es normalerweise kein Fernsehen, allerdings wurde der Übertragung von Bundestagsdebatten zu allen Tageszeiten Priorität eingeräumt. Und was sah man sonst, wenn man den Fernseher einschaltete? Ein Testbild der beiden großen Fernsehanstalten natürlich.

Vor etwa dreißig Jahren gab es erste und noch sehr teure Möglichkeiten, Fernsehprogramme aufzuzeichnen. Doch was bot sich da an? Die Seifenopern, die das öffentlich-rechtlich Fernsehen in zwei von einem Werbeblock getrennten Abschnitten sendete? Oder die uralten Kinder- oder Spielfilme aus den USA?

Radioprogrammeaufnehmen war auch schwierig, wenn man nicht einen Radiorecorder hatte. Kindern stand meist nicht einmal ein Radio zur Verfügung.

In jedem Fall war es teuer.

Selten also hatte man die Möglichkeit, etwas Interessantes mehrmals zu hören.

Wenn Wichtiges festgehalten werden sollte, war der schriftliche Weg oft der einzig mögliche und auf jeden Fall der preiswerteste.

Deswegen war es für ein Kind an der Emscher ein Ziel, möglichst schnell zu schreiben - ganz unabhängig von anderen, möglicherweise aufoktroyierten Anforderungen, wie besonders schön oder besonders richtig zu schreiben.

Eine Schnellschrift zu lernen, war daher ein Traum für Emscherkinder. Viele Menschen beherrschten auch die Stenografie, die in allen Büros und bei Gericht zum Einsatz kam. Dort wurde Wichtiges dann tatsächlich aufgezeichnet und so oft mir der Schreibmaschine übertragen, bis es fehlerfrei war. Denn was man einmal getippt hatte, ließ sich nachträglich nicht mehr korrigieren.

Zum Erlernen der Schnellschrift war damals wie heute viel Zeit erforderlich, die man nicht dadurch wieder zurück gewinnt, dass sich in Schnellschrift geschriebene Texte auch schneller lesen lassen.

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