In den späten 60er Jahren, als auch der Vietnamkrieg stattfand, gab es einen Grenzkonflikt zwischen der UdSSR und China. Viele sprachen von einer möglichen Beteiligung der Bundesrepublik im Vietnamkrieg, und vielleicht kam es nur wegen ihres besonderen Status als noch besetzter Staat ohne Friedensvertrag nicht dazu. Traurig war darüber niemand. Wer direkt an der Emscher wohnte, konnte damals sehr häufig Bombenfunde miterleben, die Furcht auslösten, wenn es auch niemals dazu kam, dass ganze Häuser oder Wohnblocks evakuiert werden mussten. Es rückte die Feuerwehr an, eine Menschentraube bildete sich in der Nähe des Einsatzfahrzeuges, und dann wusste man, dass mal wieder ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden war. Allerdings im Wohngebiet, und der typische Emscherbewohner war kaum für kriegerische Auseinandersetzungen zu begeistern. Viele hatten zudem den Zweiten Weltkrieg selbst miterlebt und erzählten mit Schaudern von seinen Schrecken.
Durch den Grenzkonflikt am Ussuri rückte China in den Mittelpunkt des Interesses. Emscherkinder waren mit Reichtümern nicht gesegnet, konnten aber im Fernsehen immer wieder Bilder aus Indien sehen, wo magere Menschen noch magerere Kühe spazieren führten, wahrscheinlich Richtung Bengalen, wo auch etwa zu jener Zeit Krieg war. Schlimme Bilder kamen auch von einem Krieg in Biafra, Bilder, die so schrecklich waren, dass sich viele zu zynischen Witzen inspiriert fühlten. Da hieß es nun, in China würde man versuchen, allen Menschen Essen, Kleidung und Bildung zu geben. Das klang fair.
Und davon konnte man sich selbst überzeugen, wenn man dem Genossen Mao Zedong schrieb. Allerdings wollte er nicht mit seinem Namen angesprochen werden, sondern als "großer Genosse Vorsitzender". Wenn man als Kind schon mit dem WDR korrespondiert hatte, konnte man es doch einmal probieren und den großen Genossen Vorsitzenden um das kleine rote Buch bitten. Und weil man bei einer so guten Sache auch selbst mit dazu gehören wollte, beantragte man bei dieser Gelegenheit gleich eine Aufnahme in die "Kommunistische Partei Chinas"; denn so teuer, wie das Auslandsporto damals war, konnte man nicht oft nach China schreiben.
Die Post ging allerdings nicht so schnell wie heute, also nach China ganz bestimmt nicht. Deshalb rechnete man vielleicht schon gar nicht mehr mit einer Antwort, als eines Tages ein großes Paket kam - wirklich sehr groß - und mit Zeitschriften, Büchern, nicht nur dem damals allseits als "Maobibel" bekannten kleinen roten von dem großen Genossen. Darin war auch ein sehr freundlicher Brief. Nicht von Mao Zedong, sondern von einem gewissen Guozi Shudian. Vielleicht war das ja auch nur ein anderer Name von Mao Zedong, vielleicht hieß das so etwas wie "großer Genosse". Jeder, der ihm schrieb, versicherte er, würde selbstverständlich gerne in die Kommunistische Partei Chinas aufgenommen. Das war natürlich erfreulich.
Um wen es sich bei diesem rätselhaften Guozi Shudian handelte, war ohne Internet nicht so leicht herauszufinden. Dazu brauchte man schon chinesische Freunde, die man als Emscherkind erst viel später und aus größerer räumlicher Entfernung zur Emscher finden konnte. Da war Mao bereits gestorben. "Euer Guozi Shudian ist aber lange im Amt." konnte man seine chinesischen Freunde fragen, wenn sie Post aus China mit dem Absender Guozi Shudian bekamen. Dann erfuhr man, das heiße etwa so viel wie "Der Internationale Buchhandel Chinas". Und den gibt es bis heute.
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